Andreas Greiner im Mönchehaus Goslar

von Bettina Maria Brosowsky
05/11/19

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Andreas Greiner, Flying through space and time (in a year without a winter), 2019 (vorne), Jungle Memory, 2019 (hinten), Ausstellungsansicht Mönchehaus Museum Goslar, 2019, Courtesy the artist, Foto: Jens Ziehe

Auch die Kunst und die Künstler*innen tragen ihren Teil zum Klimawandel bei. Dessen ist sich zumindes11:56Tue 19 Nov 2019t der Berliner Andreas Greiner bewusst, diesjähriger Kaiserring-Stipendiat der Stadt Goslar. Parallel zu dem renommierten, seit 1975 jährlich an gestandene Künstler*innen vergebenen Preis des Kaiserrings zeichnet die Stadt am Harz seit 1984 auch junge Kunstschaffende aus. Die Nachwuchsförderung beinhaltet eine Einzelausstellung im Mönchehaus Museum mit Katalog sowie eine Ankaufsgarantie. Nicht selten ist diese Würdigung der aller-erste institutionelle Auftritt der Stipendiat*innen.

Andreas Greiner, 1979 in Aachen geboren, kann ein multidisziplinäres Studium nachweisen. Zwischen verschiedenen Kunsthochschulen besuchte er nämlich für immerhin zwei Jahre die medizinischen Fakultäten in Budapest und Dresden, er schloss 2012 seine Studien dann als Meisterschüler bei Olafur Eliasson in Berlin ab. Dessen technikaffine Kunstpraxis hat auch unübersehbar auf Greiner abgefärbt: In seiner Kunst greift er auf naturwissenschaftliche, pflanzen- und tierbiologische Phänomene, Forschungen oder Bildgebungsverfahren zurück. Das derzeitige Kernthema, sowohl seiner Lebensführung wie der Kunstproduktion: die leidige CO2-Bilanz. Seit 2018 hat Greiner kein Flugzeug mehr bestiegen, seine Ernährung umgestellt und bekennt sich zu umweltaktivistischen Momenten. Aber so ganz viel nützt das auch nicht. Er hat wohl, wie er gesteht, bis 2018 – also bis zu seinem 30. Lebensjahr – so viele Flugkilometer absolviert, wie seine Eltern im Laufe ihres gesamten Leben hinter sich bringen werden, ganz zu schweigen von seinen Großeltern.

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Andreas Greiner, Replicated Seed, 2018(l.), Hybrid Matter Study 02, 2018 (r.), Ausstellungsansicht Mönchehaus Museum Goslar, Courtesy the artist, Foto: Jens Ziehe

Als Gegenpart derart verschwenderischen Lebenswandels hat Greiner den Wald entdeckt, besonders den derzeit hart umkämpften Hambacher Forst. Große Mengen Fotografien aus diesem und weiteren Gehölzen, etwa dem nicht minder gefährdeten polnisch-weißrussischen Białowieza-Urwald, hat er mittels künstlicher Intelligenz zu phänotypischen Waldbildnissen verschmelzen lassen. Sie variieren in Medium und Größe, kommen als Video-Bewegtbilder oder als statische Ausdrucke daher, sind konzentriert kleinformatig oder zu imposanten Dimensionen angewachsen, wollen in ihren Titeln die Zufälligkeit des Bildes aber auch die Funktion des Waldes als physisch-chemischen wie gleichermaßen emotionalen Speicher anklingen lassen. So weit, so eindrucksvoll. Der Haken bei der Sache: Die Rechner- und Speicherkapazitäten zur Generierung dieser Bilder verschlangen wohl so viel Strom, wie ein deutscher Durchschnittsmensch während eines gesamten Jahres benötigt. Der Wald, betrachtet man nur einmal den deutschen, ist aber nicht nur durch handfeste Abholzung gefährdet, sondern auch durch Krankheits- oder Insektenbefall. Sogenanntes Kalamitätsholz, also zu Bruch gegangenes, belief sich im Jahr 2018 auf 32,5 Millionen Festmeter, erodierte 114.000 Hektar Waldfläche, entnimmt man einer kleinen Infografik. Zwei Drittel hatten Käfer auf ihrem Gewissen, ein Drittel Stürme. Dass die zerstörerischen Krabbeltierchen aber auch zu ästhetischen Realisaten fähig sind, demonstrieren per Computerfräse in die Abstandleisten der dunklen Bilderrahmen gesetzte Brutmuster des Borkenkäfers. Hier muss man aber schon sehr genau hinschauen, zudem sind sie kombiniert mit technischen Strukturbildern von Mikroplatinen.

Des Weiteren arbeitet Greiner in Installationen mit selbstleuchtenden Algen oder ins Riesige vergrößerten, rasterelektronenmikroskopischen Aufnahmen von
JCVI-syn.3.0-Zellen, den wohl ersten Lebewesen, die vollständig dem Labor entsprungen sind. Zu seiner Kunstform der „Lebenden Skulptur“ zählt aber auch die kleine Buche, dem Hambacher Forst entnommen, die er im Garten des Goslarer Mönchehaus setzte. Sie soll dort nun in den nächsten 80 Jahren zur stattlichen Höhe von 23 Metern heranwachsen dürfen.

Andreas Greiner: Signs Of Life.

Mönchehaus Museum,
Mönchestr. 3, Goslar.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 26. Januar 2020.




Mönchehaus Museum Goslar