Fett, Filz, Abfall

von Bettina Maria Brosowsky
09/03/20

02_Roth.jpgDieter Roth, Insel, 1968-1974, Courtesy Sprengel Museum Hannover, Foto: Herling/Herling/Werner, Sprengel Museum Hannover, © Dieter Roth Nachlass, 2019

Zur guten Tradition des Hannoverschen Sprengel Museums gehört es, dass der wissenschaftliche Nachwuchs der Volontär*innen eine eigene Ausstellung aus der Sammlung des Hauses bestreiten darf. Immer wieder wird dabei der Fundus nach unterschiedlichen Themenstellungen durchforstet. Gerade ist Katrin Kolk an der Reihe. Sie arbeitet im Schwitters-Archiv des Hauses, hat zum Künstler promoviert. Wie wohl kaum ein anderer Protagonist einer Moderne nach dem Ersten Weltkrieg hat Kurt Schwitters die Palette kunstwürdigen Materials radikal erweitert: Fundstücke vom Straßenpflaster, Druckerzeugnisse, Lumpen, Bleche oder auch ein paar Speichen eines kaputten Wagenrades kombinierte er zu Bild-Objekten seiner ureigenen Merz-Kunst.

Die Rolle des Materials als wechselnde „Aggregatzustände“ der Kunst spinnt Kolk jetzt weiter. Dazu hat sie rund 60 Werke in sechs Themengruppen zusammengestellt und eine begleitende Publikation herausgegeben. Es beginnt mit den kostbaren Materialien, wie sie in der Kunstgeschichte bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts obligatorisch waren: Marmor, der Bronzeguss oder auch Alabaster in Bildhauerei und Plastik, Öl auf Leinwand in der Malerei. So sollten der Wert und die Ewigzeitlichkeit eines Kunstwerks sowie die handwerkliche Virtuosität seines Schöpfers unter Beweis gestellt werden – eine Haltung, die auch Meister einer klassischen Moderne wie Hans Arp, Max Bill oder Eduardo Chillida in ihren Werken bewusst fortführten.

Im Anschluss kommen neuzeitliche und alltagsästhetische Werkstoffe ins Spiel, die erst in Zeiten der Industrialisierung aufkamen. Sie waren für avantgardistische Künstler*innen willkommener Anlass, eine Autonomie der Disziplin und neuer Ausdrucksformen im Bruch mit der Tradition zu formulieren. Nach verhaltenen Experimenten, etwa durch Einfügen von farbigem Papier oder Zeitungsausschnitten in die bildnerische Aussage kubistischer Collagen des frühen 20. Jahrhunderts, befreite Kurt Schwitters ab 1919 das Material aus dieser, ja immer noch dienenden Funktion. Es wurde gleichberechtigter Bedeutungsträger in seinen dreidimensionalen Materialbildern und sandte so einen Impuls in die folgende Kunstgeschichte, der als nicht wirkmächtig genug eingeschätzt werden kann. Niki de Saint Phalle etwa schuf in den 1960er-Jahren kleine Assemblagen, auch mit wilden Metallgespinsten dynamisierte Objekte, literarisch assoziativ betitelt als „Eva“ oder „Queen of Hearts“.

Eine besondere Spezies unter den künstlerischen Materialien sind Lebensmittel und organische Substanzen. So konservierte Daniel Spoerri in seinen Fallenbildern Essensreste, Geschirr und weiteres Tischgerät aus Künstler-Gelagen zu zeitkulturellen Stillleben, während Joseph Beuys dem Fett existenzielle Qualitäten als Energiespender zumaß. In seinen seriellen Fettbriefen sind Papier, die Reminiszenz eines klassischen Bildträgers, sowie Fett als neuartige Bedeutungsaufladung unauflöslich miteinander verschmolzen und wechseln im symbolischen Postverkehr Geber und Empfänger.

Das Finale ist dem Textil gewidmet. Niki de Saint Phalle gewandete sich in den 1960er-Jahren für ihre Schießbild-Performances in einen modisch körperbetonenden, weißen Overall, der im Laufe der Zeit dezente Farbspritzer und Aktionsspuren annahm. Er schlummerte wohl unbesehen im Depot des Sprengel Museums, ebenso wie ein formal reduzierter, nicht zum Gebrauch bestimmter Filzanzug von Joseph Beuys. Ihm ging es neuerlich um einen metaphorischen, kultischen Wert eines Materials, hier des Wärmens, und seiner Demonstration in einem naheliegenden Funktionszusammenhang. Unter den von Katrin Kolk ausgewählten Werken ist so manches mehr, das noch nie oder höchst selten gezeigt wurde. Und auch zukünftig darf man wohl auf ungehobene Schätze aus dem Depot gespannt sein, wenn denn die Volontär*innen weiterhin so erkenntnisstiftend tätig werden.

Aggregatzustände. Das Material der Kunst von Abfall bis Zement.
Sprengel Museum,
Kurt-Schwitters-Platz, Hannover.
Öffnungszeiten: Dienstag 10.00 bis 20.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 31. Januar 2021.




Sprengel Museum Hannover