Der Tanz des Diebes mit seinem Opfer

von Dietrich Roeschmann
11/10/19

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Sven Augustijnen, L’école des pickpockets, 2000, Ausstellungsansicht Kunst Raum Riehen, Courtesy the artist, © Foto: Moritz Schermbach

Ein kahles Studio irgendwo in Brüssel. Drei Männer sitzen um einen Tisch herum, der älteste redet gestikulierend auf die anderen ein. Dann steht er auf, lässt seine Finger sanft über den Hintern einer Schaufensterpuppe streifen, die neben ihnen steht. Mit einem Skalpell, das er kaum sichtbar in der Innenhand hält, schlitzt er den Stoff der Hosentasche auf. Eine Brieftasche ragt heraus. Er greift zu, lässt die Beute in der Tasche seiner Jacke verschwinden, zieht sie aus und gibt sie seinem Komplizen, der jetzt ebenfalls vom Tisch aufgestanden ist und unauffällig mit ihr davonschlendert. „Hast du das verstanden?”, fragt der Mann den jüngsten in der Runde: „Wenn das Opfer bemerkt, dass es bestohlen wurde, seid ihr längst in unerschiedliche Richtungen verschwunden”. Sven Augustijnens (*1970) Videoarbeit „L’école des pickpockets” bietet eine geradezu programmatische Einführung ins Thema der von Katharina Dunst und Boris Rebetez kuratierten Gruppenschau in Riehen. „Pickpocket” kreist um die Kunst des Diebstahls, um Fragen des Handwerks, des Eigentums und der Habgier, interessiert sich zugleich aber auch für die Skrupellosigkeit des Diebes beim Eindringen in die Privatsphäre seines Opfers oder für die tänzerische Virtuosität, mit der er körperliche Nähe sucht, um für einen Moment mit seinem Gegenüber zu verschmelzen, damit das Objekt der Begierde von A nach B wandern kann. Dass Augustijnen im Unklaren lässt, ob es sich bei seinem Video um einen Dokumentarfilm handelt oder um ein fiktives Tutorial für Straßendiebe, ist beabsichtigt. Er definiert damit die Grauzone zwischen Vertraulichkeit und Verunsicherung, Täuschung und Enttäuschung, die Diebe brauchen, um ihren Job gut zu machen.

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Axelle Stiefel, Villains, Villaines, 2019, Ausstellungsansicht Kunst Raum Riehen, Courtesy the artist, © Foto: Moritz Schermbach

Wie weit Dunst und Rebetez ihr Thema fassen, zeigt die Auswahl der Arbeiten. In einer dichten Kabinetthängung bringen die beiden zunächst zusammen, was ihr schweifender Blick im engeren Umfeld erfasst hat: hinreißende Keramiken von Cassidy Toner (*1992) mit Wile E. Coyote als Panzerknacker oder Mörder, die Lithografie eines Maschinengewehrs von Ian Hamilton Finlay (1925-2006) mit dem von Magritte geklauten Titel „Ceci n’est pas une pipe”, verschlagene, verschattete Figuren von Peter Bosshart (*1966), Willem Oorebeek (*1953) und Nele Stecher (*1970) sowie eine kurzweilige Bibliothek des Diebstahls mit Büchern wie Dora Garcias „Klau mich” oder Claude Closkys aus Stockfotos zusammengestohlenem Familienalbum „Mon père”.

Diesem kleinteiligen Parcours stehen in Riehen mehrere größere Arbeiten gegenüber, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Zugriff auf Eigentum oder seinen Spuren beschäftigen, darunter eine schöne Serie von Taschenlampenkegelbelichtungen auf Fotopapier von Philippe Queloz (*1960). Donatella Bernardi (*1976) zeigt in einer Vitrine die 3D-Drucke zweier Ohren – eines nach Vorlage eines Gemäldes von Botticelli entstanden, das andere nach Zeitungsfotos von John Paul Getty III., dem Entführer 1973 das Ohr abschnitten, um von seinem steinreichen Großvater Millionen zu erpressen. Eingebettet ist Bernardis Arbeit in die Dokumentation eines Kunst-und-Bau-Projekts für die Kriminalabteilung der Zürcher Stadtpolizei, für das sie, inspiriert von Sigmund Freud, Sherlock Holmes und dem Kunsthistoriker Giovanni Morelli, eine Theorie der Unhaltbarkeit des Konzepts von Authenzität entwickelte – und damit in gewisser Weise auch der Idee von Eigentum, die ja auf der Belegbarkeit realer oder virtueller Werte beruht. Diesen Ansatz teilt auch Axelle Stiefel (*1988). Für ihre raumgreifende Installation hat sie die Wände in Riehen mit ungebleichtem Leinen überzogen und mit großen, blutroten, handgestickten Riesen-Monogrammen verziert. Sie lassen sich als Markenkürzel entziffern – LV, DHL, JB –, verweisen aber zugleich auf die enge Verknüpfung von Ehe und Deal, Familie und Besitz in patriarchalen Gesellschaften. An der Wand gegenüber flackern dazu als Diashow im Viertelminutenloop Dutzende von illegal aus dem Netz heruntergeladene Bilder. Ebenfalls überwiegend in Rot gehalten, ergeben sie eine Art aggressives, visuelles Poem über den Zusammenhang von Aneignung und Enteignung. Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865), Urvater des solidarischen Anarchismus, hätte das sicher gefallen. „La propriété, c’est le vol”, lautete sein Credo, „Eigentum ist Diebstahl”.

Pickpocket.
Kunst Raum Riehen
,
Baselstr. 71, Basel-Riehen.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 13.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 3. November 2019.




Kunst Raum Riehen