Junge alte Meister: Baselitz, Richter, Polke und Kiefer in den Deichtorhallen Hamburg

von Hajo Schiff
24/10/19

AnselmKiefer_Wege1977_1980.jpgAnselm Kiefer, Wege, 1977-1980, Öl und Holzschnitt auf zwei Leinwände aufmontiert, 160 x 260 cm, Sammlung Thaddaeus Ropac, London / Paris / Salzburg. Foto: Charles Duprat, © Atelier Anselm Kiefer

Als am Abend des 9. November 1989 in Hamburg mit der Ausstellung „Einleuchten“ von Harald Szeemann die Deichtorhallen feierlich eröffnet wurden, verbreitete sich die erst eher als Kunstaktion wahrgenommene Meldung, auch die Mauer sei geöffnet worden. 266 Ausstellungen später gönnt sich die größte deutsche Halle für Kunst zum Jubiläum eine Schau der bekanntesten, sicher teuersten und propagiert besten deutschen Maler Georg Baselitz, Anselm Kiefer, Sigmar Polke und Gerhard Richter. Aber nicht neueste Galerieware wird gezeigt – Baselitz, Kiefer und Richter leben und produzieren ja noch, nur Polke ist schon 2010 verstorben – sondern das Frühwerk dieser Kunst-Heroen im Wesentlichen aus den 1960er-Jahren, als sie alle die Möglichkeiten und Bedingtheiten einer konzeptuellen, aber durchaus figürlich erzählerischen Malerei neu ausloteten. Und es passt zum Jubiläum, dass bis auf Kiefer die drei anderen einst zwischen 1953 und 1961 aus der DDR kamen, was sie gegenüber der satten Wirtschaftswunderstimmung ein wenig kritischer machte.

Baselitz, bekannt für seine auf dem Kopf gemalten Motive, verwendet diesen Kunstgriff erst seit 1969. Davor setzte er gegen die damals allseits akzeptierte abstrakte Kunst wüst expressive Bildnisse onanierender Außenseiter und derangierter Kriegshelden. Weder die dort fast obsessiv gemalten Penisse noch die 1969/70 fotografierten und gemalten Faschistengrüße Kiefers, mit denen er in der Uniform seines Vaters die Besetzung der Nachbarländer theatralisch thematisierte, sind heute noch ein echter Aufreger. Wurde bei der Erstveröffentlichung noch 1975 das Kulturmagazin „interfunktionen“ abgestraft und musste sein Erscheinen einstellen – für einen aktuellen Skandal müsste heute schon einer der alten Herren einer Aufbauhelferin an den Nacken fassen.
 
GerhardRichter_PhantomAbfangjaeger_1964.jpgGerhard Richter, Phantom Abfangjäger, 1964, Öl auf Leinwand, 140 x 190 cm, Sammlung Froehlich, Stuttgart, © Gerhard Richter 2019

In Ehrfurcht vor den vielen bereits legendär zum Kanon deutscher Nachkriegskunst verklärten Bildern wird in der streng nach den Künstlern getrennten Ausstellung viel zu wenig gelacht, obwohl speziell Polke das nun wirklich nahelegt: Der Dürerhase als Gummibandbild und die Paraphrase zu den Gesten der „Modernen Kunst“; „Carl Andre in Delft“, das die Minimal-Kunst mit schlichten Wandkacheln vergleicht oder „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“ sind noch immer so gesättigt mit Witz und Ironie, dass das eigentlich überschwappen müsste. Und doch sind auch diese Bilder, wie so viele in dieser Ausstellung, quasi „vergiftet“: Wie Richters in Grau wiedergegebenen, scheinbar harmlosen Medienbilder und in Malerei übersetzten Familienphotos tatsächlich Mörder und Kriegstreiber zeigen, verweist die schwarze rechte obere Ecke auch auf die Hitlertolle und die damalige Meinung, die Deutschen hätten gegen diesen Dämon ja gar nichts machen können. Selbst einem von Richter etwas unscharf verwischt gemalten Rokokotisch von 1965 scheint dann hintersinnig etwas Lauerndes innezuwohnen.

Diese zuvor in Stuttgart gezeigte Ausstellung verweist mit über 100 Exponaten auf eine Zeit vieler Brüche und Provokationen, in der Einflüsse der Pop-Art auf die von den Vätern lange gerne beschwiegene Verwicklung in die deutsche Vergangenheit trafen, in der aber auch der Wohlstand genug gewachsen war, um Konsum- und Medienkritik zuzulassen. Der Kunsthistoriker und hochgeehrte Tübinger Museumsmann Götz Adriani, selbst ein Weggefährte dieser Künstler, hat diese Ausstellung nicht kritisch, sondern eher als Zeitzeuge kuratiert. Im umfangreichen Katalog gibt er eine Zusammenschau des Jahrzehnts, in dem durch aufgeschlossene Sammler und Museen, aber auch durch die exemplarische Gründung des Kunstmarktes in Köln eine Wende im Kulturbereich erreicht wurde, die nach Adriani den Grundstein für die hier im Text vielleicht etwas aufdringlich gefeierte, bis heute anhaltende internationale Anerkennung der deutschen Malerei legte.

Baselitz Richter Polke Kiefer. Die jungen Jahre der Alten Meister.

Deichtorhallen Hamburg,
Deichtorstr. 1-2, Hamburg.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 5. Januar 2020.

Katalog:  
Sandstein Verlag, Dresden 2019, 344 S., 34,90 Euro (im Museum).




Deichtorhallen Hamburg