Weissenhof City: Von Geschichte und Gegenwart der Zukunft einer Stadt: Vom Bauhaus lernen

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4. September 2019
Text: Jolanda Bozzetti

Weissenhof City: Von Geschichte und Gegenwart der Zukunft einer Stadt.
Staatsgalerie Stuttgart, Konrad-Adenauer-Str. 30-32, Stuttgart.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 20. Oktober 2019.

www.staatsgalerie.de

Die baden-württembergische Landeshauptstadt mag einem vielleicht nicht als erste in den Sinn kommen, wenn man an das Bauhaus denkt. Tatsächlich herrschte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in der Stadt jedoch Aufbruchsstimmung und Mut zum Experiment. Bereits 1918, ein Jahr vor der Weimarer Bauhausgründung, eröffnete die heutige Merz Akademie – damals „Freie Akademie für Erkennen und Gestalten“, die ähnlich wie das Bauhaus reformpädagogische Ansätze verfolgte. Ebenfalls in Stuttgart fand 1922 die Uraufführung des heute ikonischen „Triadischen Balletts“ Oskar Schlemmers statt. Die Originalkostüme gehören zu den zentralen Exponaten der Staatsgalerie Stuttgart.

Diese richtet nun mit der Ausstellung „Weissenhof City. Von Geschichte und Gegenwart der Zukunft einer Stadt“ einen Beitrag zum großen Bauhausjubiläum aus, der dem Geist der Moderne und den Spuren des Bauhauses in Stuttgart nachspüren will. Dazu wurden vier Künstlerinnen und Künstler eingeladen, sich produktiv mit diesem Erbe zu beschäftigen, Recherche und kritische Revisionen vorzunehmen. Im Zentrum steht dabei die Weissenhofsiedlung, die 1927 als zentraler Teil der von Mies van der Rohe organisierten Ausstellung „Die Wohnung“ entstand. Unter dem Titel „Stuttgart. Reise durch einen Sonderfall“ bietet der in Köln lebende Künstler Boris Sieverts (*1969) eine zwölfstündige Erkundung der Stadt an. Seit über 20 Jahren betreibt Sieverts ein „Büro für Städtereisen“. Seine Exkursionen zielen auf eine neue Wahrnehmung des urbanen Raums durch Erkundung wenig bekannter (Rand-)Bezirke, Zwischenräume und ungewohnter Verbindungslinien. Ästhetische wie auch soziologische Dimensionen einer städtischen Topographie werden so erfahrbar. Die Vorbereitung der Stuttgarter Reise erfolgte in kleinem Maßstab: In der Videoarbeit „Modell“ formte Sieverts aus Ton Mies van der Rohes Modell für die Weissenhofsiedlung nach und dehnte es auf die gesamte heutige Stadtlandschaft aus. Sieverts dynamische und spielerisch wirkende Arbeit macht deutlich, dass Stadtraum immer wieder neu gedacht, geknetet und gestaltet werden kann. 

Die Videoarbeit „Fields of Neutrality“ des israelischen Künstlers Dani Gal (*1975) bezieht sich ebenfalls auf Mies van der Rohe, fokussiert jedoch sein Verhältnis zum NS-Regime, das 1933 das Bauhaus schließen ließ. 1934 folgte Mies van der Rohe dem Aufruf der Kulturschaffenden zur Unterstützung Hitlers. Als fiktionales Fernsehinterview mit einer Journalistin reflektiert der Architekt sein Wirken und seine politische Positionierung in dieser Zeit, die in ihrer Krisenhaftigkeit erschreckende Parallelen zu unserer Gegenwart aufweist.

Zentrales Medium der raumfüllenden Installationen sowohl von Michaela Melián (*1956) als auch von Martin Schmidl (*1962) ist die Zeichnung. Schmidl untersucht in seiner Arbeit „Handwirtschaft (Ein Porträt von Adolf Hölzel)“ die aktuelle Relevanz der Impulse für Kunst und Lehre, die Hölzel in seinem kunsttheoretischen Nachlass festhielt, der heute in der Staatsgalerie Stuttgart liegt. Aus Zitaten aus diesen Schriften ist ein Text-Bild-Porträt entstanden, das auch die Plattform für die von Schmidl initiierte Gesprächsreihe „How to Hölzel“ bildet. Bei Melián ist die Wandzeichnung verbindendes Element für historische Textfragmente, die im Raum erklingen. Es sind zentrale Aussagen aus einer Stuttgarter Gemeinderatssitzung 1926, die den Bau der Weissenhofsiedlung beschloss. Die Diskussion von damals klingt angesichts unserer Wohnungsnot heute überraschend aktuell. 

Der nüchtern gehaltene Ausstellungsparcours unterstreicht die kuratorische Intention von Alice Koegel und Christian Sander: Sie wollen dazu anregen, das Erbe des Bauhauses und der Moderne in Stuttgart (wieder) zu erforschen, neu zu beleuchten und Impulse für eine zukünftige Stadtgestaltung zu geben. Denn die Zukunft der Stadt ist heute wieder ein offenes und virulentes Thema und die Herausforderungen von damals ähneln jenen von heute.