Fiona Tan im Sprengel Museum Hannover

von Kristina Tieke
19/11/19

10_island-ftan.jpgFiona Tan, Island, 2008, Installationsansicht, Courtesy the artist and Frith Stret Gallery, © Fiona Tan, 2019

„Goraiko“ heißt die Ausstellung, die das Sprengel Museum Hannover anlässlich der Verleihung des internationalen Spectrum Preises für Fotografie an Fiona Tan präsentiert. „Ankunft des Lichts“, so lässt sich der japanische Titel übersetzen. Was die Schau zu bieten hat, deutet sich hier bereits an: ein poetischer Umgang mit Fotografie und die Faszination für das bewegte Bild als gedehnte Momentaufnahme. Das Einlassen auf andere Kulturen, das bei Fiona Tan, Tochter einer australischen Mutter und eines chinesischen Vaters mit Wohnsitz in Amsterdam, existenzielle Bedingung ist – sie selbst nennt sich eine „professionelle Fremde“. Und schließlich ganz konkret die Erfahrung von „Goraiko“, dem Sonnenaufgang vom Fuji aus gesehen. Die zentrale Arbeit der Schau widmet sich der Ikonographie des heiligen japanischen Bergs.

Für „Ascent“ (2016) hat Fiona Tan in Japan einen öffentlichen Aufruf gestartet, ihr Fotografien des Fuji zu schicken. Mehr als viertausend Aufnahmen sind zusammengekommen, etwa 600 davon hat sie für ihren Foto-Film ausgewählt. Er ist eine 77-minütige kontemplative Hommage an den Berg, in der sich privates und öffentliches Material, aktuelle und historische Bilder zu einem gesellschaftlichen Panorama verdichten. Darüber legt Tan auf der Tonspur einen Dialog zwischen einem japanischen, längst verstorbenen Mann und einer englischsprachigen Frau, der die Künstlerin ihre Stimme leiht. Es geht um Abschied und Erinnerung und um den Aufstieg auf den Fuji in seiner ganzen Schönheit. Dabei unterläuft der fiktionale Kommentar die vermeintliche Eindeutigkeit der Bilder.

In Hannover kann man dem Film in einer riesigen Blackbox auf bequemen Sofas folgen, bevor man den zweiten Teil der Arbeit entdeckt. 150 Fotos aus dem „Ascent“-Archiv sind im nächsten Raum auf einem langen Bord ausgestellt. Man begegnet den Touristen wieder, den Schulklassen, Familien und kleinen Kindern, die vor der beeindruckenden Kulisse lachend in die Kamera bli­cken. Und man sieht den Fuji im wechselnden Licht der Jahreszeiten, manchmal winzig hinter Tokios Wolkenkratzern, dann wieder prominent im Zentrum des Bilds. Landschaft und Porträt finden in „Ascent“ zueinander.

04_ascent-ftan.jpgFiona Tan, Ascent, 2016, Videostill, Courtesy the artist and Frith Stret Gallery, © Fiona Tan, 2019

Im Grunde markieren die beiden klassischen Gattungen die Binnenstruktur dieser Ausstellung, die mit fünf großen Werkgruppen auch als Retrospektive durchgehen könnte. Der Film „Island“ (2008) und die Fotoserie „Närsholmen“ (2008) nähern sich der Natur der schwedischen Insel Gotland in schwarz-weißen, menschenleeren Bildern von großer Melancholie. Mit „Tomorrow“ (2005), gefilmt an einer Schule in einem Vorort von Stockholm, porträtiert Tan eine Gruppe Jugendlicher unterschiedlichster Herkunft. Eine große Wandprojektion zeigt nach und nach die Gesichter der Teenager, unsicher im Bewusstsein, gefilmt zu werden. Davor auf einem kleineren Screen sieht man die ganze Gruppe, statisch im bewegten Bild. „Ich beobachte nie die Welt aus der Ferne“, kons­tatiert die 53-Jährige. „Mich interessiert das persönliche Drama.“

Am intimsten fällt das in den schwarz-weißen Filmporträts aus, die bereits im Niederländischen Pavillon auf der Biennale Venedig 2009 nachhaltig berührten. Inspiriert von der flämischen Porträtmalerei des 17. Jahrhunderts, zeigt „Provenance“ (2008) sechs Menschen aus Fiona Tans Umfeld, darunter ihren kleinen Sohn. Sie sind in ihren privaten Räumen, versunken in ihrer eigenen Welt. Und jedes Mal gibt es einen kurzen Moment, in dem der Porträtierte aufschaut und den Blick des Betrachters erwidert. „Die Menschen meiner Filme schauen dich an, mit ihrer ganzen Fragilität, sie fordern dich heraus.“

Fiona Tan: Goraiko.

Sprengel Museum Hannover,
Kurt-Schwitters-Platz, Hannover.

Öffnungszeiten: Dienstag 10.00 bis 20.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 12. Januar 2020.




Sprengel Museum Hannover