Jobgarantie wider Willen

von Dietrich Roeschmann
05/03/20

schmieglorusso_5years2-scaled.jpgSebastian Schmieg & Silvio Lorusso, Five Years of Captured Captchas, 2017 (Ausschnitt), © Silvio Lorusso & Sebastian Schmieg

Durch die Zahlenreihe verläuft ein Strich wie ein gekrümmter Horizont, die Ziffern sind gedehnt, verzerrt ... hm, ist das jetzt eine 3 oder eine 5? Schwer zu sagen. Doch genau darum geht es. Immer wieder begegnen uns im Netz diese Rätsel, sogenannte Captchas, beim Einrichten des E-Mail-Kontos, beim Online-Banking, bei der Registrierung in einem Kommentarbereich. Mal sind es schwer derangierte Buchstabenfolgen, die entziffert werden wollen, mal Bilderrätsel, bei denen wir alle Motive anklicken sollen, auf denen Zebrastreifen, Berge oder Schaufenster zu sehen sind – und manchmal ist es nur die Aufforderung einen Haken zu setzen in ein Feld mit der Aussage: „I’m not a robot“. Dann erhalten wir Zutritt. Aber nur dann.

Die Künstler Sebastian Schmieg und Silvio Lorusso fanden das schon vor Jahren seltsam. “Liebes Google”, schrieben sie deshalb an den Internet-Konzern, “wir fragen uns, wieviel Zeit wir damit verbingen, zu beweisen, dass wir keine Roboter sind”. Um das herauszufinden sammelten sie zwischen 2011 und 2016 jeden Captcha, der ihnen begegnete – das Kurzwort steht für einen vollautomatischen öffentlichen Test zur Unterscheidung von Computern und Menschen, zum Schutz vor schädlichen Bots. Die gelösten Rätsel druckten die beiden auf Leporellos aus, die sich nun in der Kunsthalle Mulhouse an der Eingangswand als Intro zu der aktuellen Ausstellung “Algotaylorism” auffächern.

Der Titel der Schau – eine Zusammenführung aus Algoritmus und Taylorismus – lässt es bereits erahnen: Hier geht es um die Organisation von Arbeit in Zeiten der globalen Digitalisierung. Was im ersten Moment vielleicht etwas spröde klingt und als Ausstellungssetting mit dem Charme eines Großraumbüros daher kommt, erweist sich beim Parcours entlang der Arbeiten von gut einem Dutzend Kunstschaffenden und Künstlerkollektiven als ebenso packender wie beunruhigender Essay über das Ende der bezahlten Arbeit, wie wir sie kennen.


Kuratiert wurde die Schau von Aude Launay. Die Philosophin und Kritikerin beschäftigt sich seit langem mit dem Einfluss des Internet auf die Kunst und die Gesellschaft. Die Idee zur Ausstellung sei ihr gekommen, sagt sie, als kürzlich mitten in der Nacht im Browserfenster ihres Rechners eine Nachricht aufpoppte. „Fast jeder Ort kann ein Büro werden“, hieß es da. „Gehen Sie raus und arbeiten Sie heute für eine Stunde von einem anderen Platz aus.“ Was so locker klang, interpretierte Launay als Aufforderung zur Entfesselung ihrer Arbeitskraft zu jeder Zeit an jedem Ort.

algotaylorisme-hd-003-scaled.jpgRYBN.ORG, Human Computers, 2020, Ausstellungsansicht La Kunsthalle Mulhouse, 2020, © La Kunsthalle, Foto: Sébastien Bozon

Frederick Winslow Taylor, der mit seiner Theorie radikaler Arbeitsteilung lange als Architekt der Entfremdung und Entsolidarisierung im Spätkapitalismus galt, schrieb 1911: “Früher stand der Mensch an erster Stelle, in Zukunft wird es die Maschine sein”. Heute wissen wir: Der technolgische Fortschritt hat längst zu einer Verschmelzung geführt. Drastisches Beispiel dafür ist der mobile Arbeitsplatz in Form eines nur von außen zu öffnenden Käfigs, den Amazon-Chef Jeff Bezos 2016 für seine Lagerarbeiter patentieren ließ – und erst nach massiven Protesten zurückzog. Simon Denny hat aus dem mehrere tausend Seiten starken Patent zwei Wandobjekte geschnitzt, die in Mulhouse wie Masken eines kryptischen, dystopischen Rituals in den Raum starren. Sie übersehen dabei die zwölf Schreibtische umfassende Installation “Human Computers” des Pariser Medienkunstkolletivs RYBN.ORG, auf denen in zahllosen Dokumenten und Videoclips eine komplexe Geschichte der Wertschöpfung an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine erzählt wird. Schmiermittel ist hier, was Aude Launay “Machinic illusion” nennt. Denn viele Aufgaben, die scheinbar von Computern erledigt werden, sind tatsächlich das Resultat von oft verdeckt geleisterer menschlicher Arbeit, sei es durch globale Mikrojobber mit Stundenlöhnen im Cent-Bereich oder durch die Nutzerinnen und Nutzer des Internets selbst, die Unternehmen wie Google, etwa mit der Lösung von Captchas, unbeabsichtigt – und damit natürlich auch unbezahlt – dabei helfen, Texte für Google-Books zu erfassen oder die Künstliche Intelligenz des Unternehmens zu trainieren.

mandiberg_postmoderntimes-now-is-your-chance-to-escape.jpgMichael Mandiberg, Postmodern Times, 2018, Filmstill, produziert mit Unterstützung des LACMA’s Art + Technology Lab, Courtesy the artist

Dass wir auch dann arbeiten, wenn wir das Gefühl haben, nicht zu arbeiten, und so, ohne es zu wollen, pausenlos zur Akkumulation des Kapitals von Megakonzernen beitragen, deren Macht wir uns immer weniger entziehen können, ist kein angenehmer Gedanke. Beim Rundgang in Mulhouse ist er ein ständiger Begleiter und spricht selbst aus so poetischen Arbeiten wie Michael Mandibergs Remake des Chaplin-Klassikers “Modern Times”, für das der Franzose auf einer Crowdsourcing-Plattform 182 digitale Leiharbeiter aus 25 Ländern castete. Am Ende dieser sehenswerten Schau lädt ein von Lauren McCarthy programmiertes sprechendes KI-Kissen zum entspannten Dialog über die Möglichkeiten ein, dem System doch noch zu entkommen.

Algotaylorism.

La Kunsthalle Mulhouse
16, rue de la Fonderie, Mulhouse.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Dienstag 14.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 26. April 2020




La Kunsthalle, Mulhouse