Körperbewusstseinsbilder

von Rainer Beßling
05/04/20

lassnigbremens.jpgMaria Lassnig, Si tacuisses, 1998, Courtesy Sammlung Klewan, Copyright Maria Lassnig Foundation VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Sie hatte ein spezielles Verständnis vom Begriff der Realität. Wirklichkeit, das war für Maria Lassnig (1919-2014) das eigene Empfinden, ihr „Körper.Gefühl“, so der Titel einer sehenswerten Ausstellung im Bremer Paula Modersohn-Becker Museum mit Werken der herausragenden österreichischen Malerin. Das den Anderen verborgene Geschehen in „dem von mir bewohnten Körpergehäuse“ in eine bildliche Sprache zu übersetzen, ist nicht leicht. Das Körpergefühl deckt sich nicht mit den Konturen des Körpers, es hat einen inneren Kern, es empfängt Impulse von außen, es tauscht sich mit dem Raum aus. „Wo fängt es an, wo hört es auf, welche Form hat es, rund, eckig, spitzig, gezackt“, schrieb die Künstlerin.

Entsprechend  der zentralen Beschäftigung mit der eigenen Person dominieren in Lassnigs Werk die Selbstbildnisse, „Körperbewusstseinsbilder“ in ihrer eigenen Diktion. In der Bremer Schau sind frühe figürliche Zeichnungen zu sehen, die neben einem unbestechlichen Blick eine ironische Haltung ausweisen. Bald allerdings fand die Malerin einen eigenständigen Weg zwischen Figuration und Abstraktion, in dem amorphe Formen mit Körperfragmenten verschmelzen, „realistische Erinnerungsassoziationen“ und „frei gefundene Sensationen“, so Lassnig. In die Bilder fließt ein, wie sie Bein oder Hand fühlt, als „Stab, Draht, Bindfaden, Wurst oder garnicht“, wie sie ihre Körperhaltung beim Malen spürt, „die Druckstellen des Gesäßes auf dem Diwan, den Bauch, der gefüllt ist wie ein Sack“. Zum „Selbstporträt mit Ordenskette“, in dem ein monströses Mischwesen eine Art Wäscheleine mit unbestimmten Gegenständen hält, gibt Lassnig eine aufschlussreiche Beschreibung: „im Gesicht spüre ich nur die nasenöffnungen groß wie die eines schweines und rundherum die haut brennen, die wird rot gemalt. beim gesicht sind die erinnerungsverbindungen schwer auszuschalten, weil man es öfter im spiegel gesehen hat als den körper, es fällt deshalb fast immer realistischer aus“.

In dem Bild, „Si tacuisses, philosophus mansisses“ (Wenn du geschwiegen hättest, wärest du Philosoph geblieben) ließen sich aus einem klumpenhaften, knödeligen Wesen ein erhobener Kopf und hängende Mundwinkel herauslesen, eine hochnäsige Haltung. Das Selbstporträt erhält dadurch eine humoristische Note, dass die Künstlerin nie ihre Ansichten verborgen hielt. Die Figur ist in ein starkes Gelb gesetzt, eine jener spezifischen Farben Lassnigs, die vordergründig einen hellen, vitalen Klang erzeugen und doch mit ihrer ins Matte weisenden Gebrochenheit ein verstörendes, vielschichtiges Kolorit entwerfen. Eine eigenständige frühe Bildfindung Lassnigs sind die „Sesselselbstporträts“, in denen Mensch und Möbel eine Symbiose eingehen. Die Malerin identifiziert Strukturähnlichkeiten zwischen dem Körper und dem Sessel, das Gefühl wird an die Gegenständlichkeit gebunden. „Weil der Rücken sich wie ein Brett anfühlt, entsteht vielleicht ein stuhlähnlicher  Mensch (oder ein menschlicher Stuhl).“ Die in Lassnigs spezifischer Verbindung von Malerei und Zeichnung stets präsente Linie ist die bewegte und flexible, immer wieder neu befragte und geformte Grenze und Transitzone zwischen innen und außen, Ich und Welt.   

Die Bremer Ausstellung rekrutiert ihre Exponate aus der Sammlung von Helmut Klewan, der Maria Lassnig schon früh und mehrmals in seiner Münchner Galerie gezeigt hat. Die Malerin hat sich erst relativ spät im Kunstmarkt erfolgreich etablieren können. Für das Schaffen der von steten Zweifeln geprägten Einzelgängerin mag das von Vorteil gewesen sein. Die Bestimmtheit und die Kraft, die sie aus einer radikal subjektiven Perspektive und ihrem unbeirrten Weg bezog, vermittelt sich in ihrer schonungslos intensiv empfundenen Kunst.

Maria Lassnig: Körper. Gefühl.
Museen Böttcherstraße / Paul-Moderssohn-Becker-Museum,
Böttcherstr., Bremen.

Bis auf weiteres geschlossen.
Öffnungszeiten (regulär): Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 7. Juni 2020.




Museen Böttcherstraße