Lektüre einer Ausstellung

von Annette Hoffmann
05/08/13
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Ausstellungsansicht Daniel Gustav Cramer, Ten Works, © La Kunsthalle Mulhouse

Daniel Gustav Cramer zeigt in der Kunsthalle Mulhouse „Ten Works“

 

Am Ende mündet alles in eine Sackgasse. Bis dahin hat Daniel Gustav Cramer den Besucher seiner Ausstellung in einer Art Zickzackkurs durch die Kunsthalle Mulhouse geleitet, an immer neuen Wänden vorbei, die dem Raum einen labyrinthischen Grundriss einschreiben, vergleichbar einem begehbaren Irrgarten. War man nicht eben schon an einer schwarzen, an der Wand lehnenden Eisenstange vorbeigekommen? Und wann war das überhaupt? Vor einem Augenblick, vor mehreren Minuten, einer Viertelstunde? Als „Virgule“, also Komma, ist diese Stange, die gleich fünf Mal in Cramers Werkschau vorzufinden ist, im Saaltext bezeichnet. So als sei eine Werkpräsentation ein Text, der erst durch Satzzeichen verständlich wird und so auch seinen Rhythmus erhält.

Die Einzelschau „Ten Works“ des in Berlin lebenden Künstlers geht über das hinaus, was man unter Konzeptkunst versteht. Was der 1975 geborene Daniel Gustav Cramer hier verwirklicht hat, ist eine Konzept-Ausstellung. Sie beruht ganz wesentlich auf der Grundlage minimaler Verschiebungen. In einem der ersten Räume liegen fünf Stapel von DIN-A4-Blättern auf dem Boden, auf denen sorgfältig ein Text gesetzt ist. Ein Ich-Erzähler berichtet hier, wie er nach einer längeren Reise an einem fremden Ort ankommt, sein Hotelzimmer bezieht und auf das Rauschen des Meeres, aber auch auf die Geräusche eines ihm fremden Mannes hört. Viel ist in diesem Text von Silhouetten, Schatten, Reflexionen, Schlaflosigkeit und auch Mulden, die die Köpfe früherer Gäste auf dem Hotelbett hinterlassen haben, die Rede. Was diese Leerstellen ausfüllen könnte, wird nicht erzählt. Und wer an den Stapeln vorbeischlendert, sich bückt, um die Seiten zu lesen, ist irritiert. Wiederholen sich doch Sätze und Wendungen leicht, so dass man denken könnte, man habe diese Worte bereits gelesen, als sei dies bereits Teil der eigenen Erfahrungen geworden. Der Text zieht Schlaufen und ist damit das Narrativ einer Ausstellung, die Serien unterbricht, um sie im übernächsten Raum fortzuführen und so Gesehenes zur Deckung bringt, das räumlich voneinander getrennt ist.

Zusammen mit Haris Epaminonda arbeitet Daniel Gustav Cramer seit 2007 am Projekt „The Infinite Library“, das auch in ihrer Ausstellung im Kunsthaus Glarus im letzten Jahr zu sehen war. In ihren Buchcollagen schneidet das Künstlerpaar einzelne Segmente aus den Seiten heraus, so dass Darunterliegendes sichtbar wird und mit den Rändern neue Bedeutungen eingeht. Der Zwischenraum wird sprechend gemacht. Auch in „Ten Works“ lässt Daniel Gustav Cramer verschwinden und stellt neue Konstellationen her. Etwa die Papierröhren, die am oberen Rand eingeschwärzt sind und auf den Fotografien sich mal vor dem milchigen Hintergrund abheben, dann so sehr in ihn eingehen, dass nur das Weiss übrig bleibt. Oder die Frau, die auf einem der Geranienbewehrten Balkone eines Grand Hotels steht und auf die Strasse schaut und die auf den letzten beiden der sechs Farbaufnahmen nicht mehr zu sehen ist. Daniel Gustav Cramer platziert in seiner Ausstellung in Mulhouse reale Objekte wie Betonzylinder und Eisenkugeln und auch eine Reihe von Buchobjekten. Eines davon ist Melvilles Roman von Kapitän Ahabs Jagd nach dem weissen Wal Moby Dick gewidmet. Man könnte vermuten, dass Cramer die Seiten weiss belassen hat, doch stattdessen ist der Text eine unlayoutete Fläche. Das verspricht eine Lektüre, bei der man sich in einen ähnlich halb-wachen Zustand hineinlesen würde wie ihn der Reisende in Cramers Text erlebt. Das ist hoch artifiziell, aber zugleich ein suggestives Erlebnis voller Déjà-vus.

 

Daniel Gustav Cramer, Ten Works.

La Kunsthalle Mulhouse

16, rue de la Fonderie. Mulhouse.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 12.00 bis18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 14.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 12.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 25. August.

 




Kunsthalle Mulhouse