27/03/12

Fragebogen an die Skulptur

Das Kunstmuseum Liechtenstein widmet Bojan Šarčević eine erste institutionelle Ausstellung.

von Florian Weiland
Thumbnail

Das Kunstmuseum Liechtenstein widmet Bojan Šarčević eine erste institutionelle Ausstellung.4916breath_taker.jpg

Bojan Šarčević liebt Gegensätze. Das zeigt sich bereits im ersten Ausstellungssaal. Zwei mächtige Onyx-Blöcke beherrschen den Raum. Unscheinbar und leicht zu übersehen ist dagegen die aus der Wand herauswachsende Skulptur „Presence at Night“, ein dünner Ast, in dessen zarten Zweigen sich blonde Haarsträhnen verfangen haben. Ein mythisches Nachtgespinst? Engelshaar? Oder eine subtile Anspielung auf Daphne aus Ovids Metamorphosen? Die Nymphe wurde in einen Lorbeerbaum verwandelt.

Der 1974 in Belgrad geborene Künstler, dem das Kunstmuseum Liechtenstein die erste institutionelle Soloschau widmet, öffnet mit seinen minimalistischen Arbeiten Beziehungsfelder. Sein Werk irritiert – und lässt uns schmunzeln. Dazu braucht es nicht viel. Indem er seinen beiden monumentalen Marmorskulpturen, die erstmals zusammen ausgestellt werden, die Titel „He“ und „She“ gibt, öffnet Šarčević die Tür zu einer Fülle von Assoziationen und beeinflusst unsere Wahrnehmung. Der Betrachter fragt sich, was an dem einen Onyxblock männlich, was an dem anderen weiblich sein könnte. Man muss um die beiden Skulpturen herumgehen, um ihre Geheimnisse zu ergründen. Asymmetrisch gesetzte Einschnitte rhythmisieren die glatten Oberflächen. Auf der Rückseite bleibt „She“ unbearbeitet. Der Rohzustand erinnert an eine Kraterlandschaft. „He“ wurde dagegen auch auf der Rückseite glatt poliert und die Natur belohnt den Künstler mit einem einzigartigen Muster. Ein feines Adergeflecht zieht sich über den Stein, ein ungemein faszinierendes Musterspiel hat sich im Lauf der Erdgeschichte gebildet – die Steine sind vor über 135 Millionen Jahren durch Ablagerung in kalkreichem Süßwasser entstanden. Man denkt unwillkürlich an den nächtlichen Sternenhimmel und die Milchstraße.

Die beiden Skulpturen strahlen eine große Ruhe und Kraft aus. Diesen massiven Körpern folgt im anschließenden Saal ein lichtes Kontrastprogramm. Die sechsteilige Arbeit „éventuellement“ sieht aus wie ein modulares Regalsystem. Doch hat es auch dieselbe Funktion? Die sechs Module aus dünnen Metallstangen und glänzenden Kupferplatten sind zu fragil, um benutzt zu werden. Sie erstrecken sich vertikal, horizontal und diagonal in den Raum. Diese vielgestaltige Installation nimmt dennoch wenig Raum ein. Mit jedem Gehen verändert sich auch hier die Wahrnehmung. Die Regale umschreiben den Raum, doch umschreiben sie ein Negativ- oder ein Positivvolumen?

In drei kurzen, von orientalischer Musik untermalten Filmen zeigt Bojan Šarčević im Anschluss unterschiedliche Möglichkeiten, mit Skulpturen umzugehen. Die Skulpturen, deren virtuelles Abbild wir zu sehen bekommen, bestehen aus zusammengeknülltem Papier (Film A), Ton (Film B) und Holz (Film C). Obwohl abstrakt, ist man versucht, Figuren zu sehen. Kunsthistorisch interessant ist vor allem der dritte Film, der sich als hintersinnige Hommage an Alexander Rodtschenko und weitere Künstler deuten lässt. „Der Atem-Nehmer ist der Atem-Geber“ hat Šarčević diese drei Arbeiten überschrieben. Auch dieser poetische Titel lässt verschiedene Interpretationen zu. In den Plexiglaspavillons, in denen die Projektoren stehen, kann sich der Ausstellungsbesucher spiegeln. Somit wird er – wie bereits in den spiegelnden Kupferplatten der Regale – Teil der Inszenierung.

Die Schau dreht sich letztlich um das Thema Skulptur und Repräsentation. Abschließend sucht Šarčević den Dialog mit anderen künstlerischen Positionen. Dazu hat er Werke aus der Sammlung des Museums ausgewählt. Die Zusammenstellung ist ungewöhnlich. Neben Werken von Rosemarie Trockel, Robert Mangold und Herbert Zangs finden sich auch Gemälde von Arnold Böcklin und Gustave Courbet. Eine Konfrontation, die Gegensätze betont, aber auch erstaunliche Gemeinsamkeiten herausarbeitet. Šarčević überrascht mit einem modernen Vanitas-Stillleben. Vor einer kleinen Fotografie steht auf einem Tisch eine halbe Wassermelone. Das Fruchtfleisch wurde entfernt und durch ein Stück rohes Fleisch ersetzt. Eine rätselhafte Arbeit, die viele Fragen offen lässt. Und diese hat Šarčević auch an den Betrachter. An der Kasse liegt ein Fragebogen des Künstlers zur aktuellen gesellschaftlichen Situation. Die Besucher sind eingeladen, ihre eigenen Antworten zu finden.

Bojan Šarčević: A Curious Contortion in the Method of Progress.
Kunstmuseum Liechtenstein

Städtle 32, Vaduz.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 6. Mai 2012.
Kunstmuseum Liechtenstein