02/11/16

Kunst hat ihren Platz nicht nur im White Cube

Wolfgang Ullrich analysiert in "Siegerkunst" die Mechanismen der Kunstszene

von Manuel van der Veen

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Man weiß bereits, dass für die Kunst viel Geld, ja absurde, horrende Summen bezahlt werden. Nach der Lektüre von Wolfgang Ullrichs Buch „Siegerkunst“ weiß man es noch besser. Es geht um viel mehr. Um mehr Geld, mehr Verträge, mehr Strategie, mehr Einfluss, mehr von dem, was hinter dem Vorhang abläuft. Oder doch eher nicht hinter dem Vorhang, denn – und das ist eine von Ullrichs zentralen Einsichten – die Betrachter, Kritiker und Historiker sehen nicht genau genug hin! Sie schauen auf Kunst als hinge diese nur im White Cube und im Museum. Doch sie hängt auch in Wohnzimmern, sie verbindet Käufer und Künstler, die verstrickt sind in Vertragsvereinbarungen. 

Wolfgang Ullrichs Buch ist kein anonymes Buch. Es ist ein Buch, das eine Siegerkunst-Ästhetik entziffert und das Namen nennt. Von Sammlern, die sich für Kunst interessierten, nachdem sie Sieger wurden und von Künstlern, die Sieger wurden, nachdem sich Sammler für sie interessierten. Siegerkunst ist eine Kunst, die sich, obwohl sie durch zeitgenössische Machtstrukturen und vormoderne Machtverhältnisse bestimmt wird, auf „autonom“ oder „provokativ“ schminkt. Ullrich urteilt nicht vorschnell und prophezeit auch nicht, welche Kunst nun kommen müsste, aber er ruft dazu auf, die Reflexion über Kunst zu erweitern. Über die Grenzen des Museums und über den herkömmlichen, singulären Einschnitt der Moderne hinweg, hin zu den politischen und ökonomischen Strategien – und letztlich auch zum Kunstwerk über dem heimischen Sofa.

Wolfgang Ullrich: Siegerkunst, Wagenbach, Berlin 2016, 160 S., 19,90 Euro | ca. 23.90 Franken




Wagenbach