27/10/16

Schlüssel der Wahrnehmung

Margrit Brehm und Axel Heil über Aspekte der Sammlung Hurrle in Durbach

von red.

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Georg Meistermann, Im Zerreißen, 1952-53, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Entscheidend sind die Brüche, sagen Margrit Brehm und Axel Heil. Die beiden sind ausgewiesene Experten für die Sammlung Hurrle. Während Heil, Professor für Experimentelle Transferverfahren an der Karlsruher Kunstakademie, im Kunstverein Mannheim derzeit die figurative Malerei der 1960er Jahre wieder aufleben lässt, kuratiert die Kunsthistorikerin Margrit Brehm im Museum für aktuelle Kunst in Durbach die Ausstellung „Panoramen. Wir sprachen mit den beiden über die Besonderheiten dieser Sammlung.

artline: Sie beide benutzen im Hinblick auf die von Ihnen kuratierten Ausstellungen den Begriff des Schlüsselwerkes. Was zeichnet ein solches Schlüsselwerk aus?

Margit Brehm & Axel Heil: Als Schlüsselwerk bezeichnen wir ein Bild, eine Zeichnung oder ein Objekt, mit dessen Hilfe sich ein größerer Zusammenhang erschließt oder das an einer Schnittstelle steht, einen Umbruch oder eine Neuorientierung aufzeigt. Im Hinblick auf eine Sammlung geben Schlüsselwerke Hinweise auf die Interessen und Vorlieben des Sammlers. In der Ausstellung „Panorama“ in Durbach wird der Begriff darüber hinaus verwendet, um zu zeigen, dass ein Bild der Schlüssel zu den Pforten unserer Wahrnehmung sein kann. In jedem Panorama wurden Werke kombiniert, die unter einem bestimmten Aspekt Ähnlichkeiten aufweisen, um dadurch die Differenzen schärfer herauszuarbeiten. Entscheidend sind die Brüche. Erst in der Zusammenschau und direkten Konfrontation mit den Bildern wird sehend nachvollziehbar, worin die Unterschiede liegen und welche Entscheidungen – vorab oder im Schaffensprozess getroffen – letztlich das Resultat bestimmen.

 

artline: Ist die Sammlung Hurrle mit dem Fokus auf das Kunstschaffen am Oberrhein ein idealtypisches Labor für Ihre Untersuchnungen?

Margit Brehm & Axel Heil: Rüdiger Hurrle verfolgt das Kunstschaffen im Dreiländereck seit mehreren Jahrzehnten mit wachem Auge. Die Ausstellungsreihe „Profile in der Kunst am Oberrhein“ spiegelt dieses Engagement bis heute wieder. Die eigentlichen Schwerpunkte seiner Sammlung liegen aber in anderen Bereichen. Große Werkgruppen zu Informel, CoBrA und zur Neuen Figuration, aber auch zu Künstlergruppen und zur Kunst der ehemaligen DDR, die nach dem Mauerfall zusammengetragen wurde, zeigen das besondere Interesse an den künstlerischen und gesellschaftlichen Aufbrüchen und Umbrüchen in Europa von den 50er Jahren bis in die Gegenwart. Insofern hat die Sammlung Hurrle auch durchaus einen im weitesten Sinne „biographischen“ Charakter. Die allermeisten Kunstwerke sind in den vom Sammler bewusst erlebten Jahren entstanden, reflektieren also erlebte Zeit und eröffnen zugleich neue Perspektiven darauf. Diese Offenheit und die Bereitschaft, die Kunst nicht nur als individuelle Setzung, sondern stets auch als Ausdruck einer historischen Situation zu begreifen, macht die Sammlung zu einer spannenden Basis für unterschiedliche kuratorische Fragestellungen.   

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Heimrad Prem, Der Faden, 1965, Sammlung Hurrle
artline:
Ein zentrales Interesse der Sammlung Hurrle liegt auf Künstlergruppen. Wie wirkt sich Ihrer Ansicht nach die Idee der Künstlergruppe auf die Entwicklung von Kunst aus, wie ihre gemeinschaftliche Praxis auf die Produktion?

Margrit Brehm & Axel Heil: Das ist natürlich ein weites Feld. Künstlergruppen sind historisch betrachtet zunächst einmal  fragile und stets nur für einen begrenzten Zeitraum funktionierende Zweckgemeinschaften. Die Künstlergruppen Spur, Wir, Geflecht und Kollektiv Herzogstraße, die Schwerpunkte in der Sammlung Hurrle bilden, stellen insofern einen Sonderfall dar, dass die Zielsetzung dieser Zusammenschlüsse nicht nur in der gegenseitigen Stärkung bestand, sondern – besonders bei SPUR und Kollektiv Herzogstraße – tatsächlich Werke mit kollektiver Autorschaft entstanden. Das war nicht nur eine Absage an den Geniebegriff und das vom Kunstmarkt stilisierte Künstlerbild, sondern stellte für jede/jeden Beteiligte/n eine große Herausforderung dar. Die Idee des Bildes verwandelte sich durch das Zusammenspiel vieler Hände ständig, aber genau das war die Idee der polyfokalen Malerei, die aus einem Labyrinth von Formen und Linien entsteht, als Ausdruck einer nicht hierarchischen, demokratischen Auffassung von Kunst.

 

Panorama: Schlüsselwerke aus der Sammlung Hurrle
Museum für aktuelle Kunst
Almstr. 49, Durbach.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Frietag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 23. April 2017.

Adieu Tristesse: Neue Figuration zu Beginn der Sechziger aus der Sammlung Hurrle.
Mannheimer Kunstverein
Augustaanlage 58, Mannheim.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 12.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 20. November 2016.

 

 

 




Museum Hurrle
Mannheimer Kunstverein