28/10/16

Nairy Baghramian

Die in Berlin lebende Bildhauerin bringt selbst Prothesen zum Tanzen. Ausgezeichnet mit dem Zurich Art Prize 2016 ist sie nun in Zürich zu Gast

von Annette Hoffmann
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Nairy Baghramian, Scruff of the Neck, 2016, Installationsansicht Marian Goodman Gallery, Courtesy die Künstlerin und Marian Goodman Gallery
Als Nairy Baghramian (*1971) 2008 für ihren Beitrag für die 5. Berlin Biennale mit Janette Laverrière kooperierte, war das der Beginn einer ungleichen Zusammenarbeit. Sie sollte bis zum Todesjahr von Laverrière andauern, die 2011 mit 101 Jahren starb. Auf der einen Seite die in Berlin lebende Baghramian, die im Iran aufgewachsen war und für die der Berlin Biennale-Auftritt der künstlerische Durchbruch sein sollte, auf der anderen Seite die schweizstämmige Pariserin, die in der Nachkriegszeit in Frankreich mit den bedeutendsten Designer zusammengearbeitet hatte, deren eigene Entwürfe geschätzt wurden, der aber der große Erfolg versagt blieb. Nairy Baghramian verstand diese Zusammenarbeit durchaus als politischen und feministischen Akt, als Zurechtrücken des Designerkanons, in dem fortan Janette Laverrière nicht mehr unerwähnt bleiben konnte. Als einen Angriff auf die „Ästhetik der Diktatur und des Patriarchats“ hat Nairy Baghramian ihre eigenen Arbeiten einmal bezeichnet.

Ein Jahr vor der Berlin-Biennale war in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden in der Ausstellung „Entre deux actes – Loge de comédienne“ ein Schminktisch der Designerin zu sehen, 2008 stellte Nairy Baghramian in „A Walker’s Day off“ dort ihre fragil wirkenden Skulpturen aus. „Walker“ hatte sie diese leichtsinnigen Skulpturen genannt, nach der Bezeichnung von jungen, kultivierten Männern, die ältere reiche Damen bei Spaziergängen und Besorgungen begleiten. Baghramian hatte ihrem Ensemble alles Frivole ausgetrieben, etwas von Orthopädiehandwerk lag in der Luft – tatsächlich kann Walker auch Rollator bedeuten. Denn das Gestänge oder besser vielleicht diese Protagonisten wiesen hier ein Plastikelement auf, das zum Aufstützen einzuladen schien, dort eine Verstärkung oder Schiene, die man sich unter die Achseln hätte klemmen können. Baghramians Interesse galt bevor sie sich der bildenden Kunst zuwandte, dem Theater und dem Tanz. Und etwas von der flüchtigen Eleganz von Bewegungen manifestiert sich in ihren Skulpturen und Installationen.

Das Spiel mit Identifikationen von Berufen trieb Nairy Baghramian 2009 in ihrer Londoner Ausstellung „Butcher, Barber, Angler & Others“ noch weiter. Ihre Skulpturen integrierten Elemente aus dem Berufsleben von Metzgern, Barbieren, Anglern und anderen und beraubten diese jeglicher Funktionalität. Nairy Baghramians Arbeiten sind Hybride von hohem Abstraktionsgrad. Stahl und Metall sind wiederkehrende Materialien, ebenso Spiegel und Beton. Das mag nach einer rein formalen Spielerei klingen, doch die Künstlerin arbeitet sich nicht allein an der Moderne ab. Das Sinnliche der Form lässt sich nicht vom Intellektuellen des Inhalts trennen. Ihre Arbeiten, die oft wie in den Raum gesetzte Zeichnungen wirken, reagieren auf soziale und politische Verhältnisse. Diese Konstellation brachte ihr den Zurich Art Prize 2016 ein, der mit einer Ausstellung im Zürcher Haus Konstruktiv verbunden ist. Ihr Interesse an Prothesen und Erweiterungen des Körpers, das sich bereits 2008 zeigte, prägt auch die neueren Arbeiten. Sie sehen ein bisschen aus wie die ästhetisierte und vergrößerte Variante von Zahnregulierungen. Wohl noch nie hatte eine Zahnspange so viel Witz. Nachdem Nairy Baghramian sich mit Innendesign und Designobjekten auseinander gesetzt hat, ist sie nun angetreten, den Körper zu möblieren.    

Nairy Baghramian: Zurich Art Prize 2016.
Haus Konstruktiv
Selnaustr. 25, Zürich.
Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
27. Oktober 2016 bis 15. Januar 2017.

 

 

 




Haus Konstruktiv