20/10/16

Auf der Spur des Artefakts

Im Kunstmuseum Thun verbinden sich in einer nachdenklich machenden Themenschau Wissenschaft und Ästhetik

von Annette Hoffmann
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Julian Charrièrre, The Blue Fossil Stories, 2013, Courtesy Dittrich & Schlechtriem, Berlin, © Bildrecht, Wien, VG Bild-Kunst, Bonn
Als Geologe konnte Per Kirkeby (*1938) immer auch die Kräfte hinter den Formen lesen, als Künstler macht er sie sichtbar. In einem Brief schrieb der Däne während eines Aufenthaltes auf der grönländischen Halbinsel Pearyland 1979 an Mario Merz: „Die Geologie ist die Lehre von den Kräften hinter den Formen, sowohl den auf- als auch den abbauenden. Und das bedeutet lauter Annahmen. (…) Denn keine dieser Kräfte lässt sich beobachten“. Die aktuelle Ausstellung im Kunstmuseum Thun – sie ist eine Kooperation mit der Galerie im Taxispalais in Innsbruck, dem Kunstmuseum Krefeld sowie den Museen Haus Lange Haus Esters – hat die Wendung von den Kräften hinter den Formen für den Titel entlehnt. In Thun ist diese Themenschau ganz offensichtlich am rechten Ort, das Alpenpanorama vor der Haustür zeigt, was die Kräfte in der Lage waren, zu formen.

Radierungen des dänischen Künstlers eröffnen auch den Rundgang durch die Ausstellung. Die Blätter der Serie „Das Feldbuch“ aus dem Jahr 1994 scheinen hinter die Oberfläche der Landschaft zu schauen. Schraffierungen bilden Flächen, stärkere Linien deuten Höhenzüge oder Kräfte an, Kirkeby hat hier die Zentralperspektive außer Kraft gesetzt. Die Ausstellung versöhnt den Künstler mit dem Forscher, ohne jedoch das Ideal des Universalwissenschaftlers wieder aufleben zu lassen. Künstler wie Giuseppe Penone, Julian Charrière oder Ilana Halperin schaffen Kunst, die sich Entstehungsprozesse der Natur zunutze macht, ohne zu vergessen, dass sie mit Annahmen – wie Kirkeby schreibt – agieren und dass der Mensch in die Ökologie eingreift. „The Blue Fossil Entropic Stories (1)“ zeigt, wie Julian Charrière (*1987) mit einem Schneidbrenner die Oberfläche eines Eisberges zu schmelzen bringt. Seit ihrer Entstehung 2013 ist die Arbeit zu einem Sinnbild für das Anthropozän geworden und entsprechend präsent in Ausstellungen. Bei Ilana Halperins Skulpturen, Videos und Radierungen kann man an den Begriff des Artefakts denken, der – solange Fossilien noch nicht als versteinerte Organismen gedeutet wurden – der Natur die Rolle einer Künstlerin zubilligte. Halperin (*1973)  interessiert sich für geologische Prozesse, so hat sie kammförmige Holzmodelle in einer vulkanischen Quelle in Island getunkt. Nach zweieinhalb Wochen waren die Modelle gleichmäßig mit Kalk überzogen und recken ihre dicken Finger wie Korallen nach oben. Für Halperin steht der Mensch nicht außerhalb dieser Prozesse. In ihrer großformatigen Radierung „Physical Geology (a field guide to new landmass)“ kommentieren handschriftliche Textblöcke sehr feine und genaue Zeichnungen. Da vermischt sich Biografisches mit Wissenschaftlichem und eigenen Beobachtungen. Einem Meteoriten – ein Objekt auf der Erde, das älter ist als diese selbst – wird ebenso Platz eingeräumt wie Gallen- oder Blasensteinen, die der menschliche Körper produziert. In Halperins Werk sind die formenden Kräfte nicht nur noch aktiv, der Mensch ist auf eine produktive Weise Teil dieser Schöpfungskette.

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Ilana Halperin, The Mineral Body, 2013, Courtesy die Künstlerin, Foto: Neil McLean, National Museums Scotland
Zu denken gibt aber auch die Arbeit „From-to-Beyond“ von George Steinmann (*1950), die zwischen 1995 und 1997 entstand und die er auf Einladung der Kulturstiftung „Finnish Fund for Art Exchange“ in der Arktis verwirklichte. Steinmann dokumentierte die zunehmende Zerstörung dieser ursprünglichen Landschaft durch Nickel-Schmelzwerke, die Russland in Murmansk betreibt und durch die Atom-U-Boot-Flotte der russischen Armee. Die ausgebreiteten Aufnahmen von Industrieanlagen, wissenschaftlichen Studien, Karten und die Dokumentationen der Auswirkungen auf das Leben der Samen sind ziemlich gespenstisch. Wenn sich wirtschaftliche und militärische Interessen vereinen, sind das jedenfalls nicht die denkbar besten Kräfte, die die Natur formen.            

 

Die Kräfte hinter den Formen.
Kunstmuseum Thun
Hofstettenstr. 14, Thun.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 20. November 2016.

Zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen: Snoeck Verlag, Köln 2016, 224 S., 39,80 Euro | ca. 52 Franken.

 

 




Kunstmuseum Thun