28/03/12

Universell verbal

Im Zeppelin Museum geht man der Faszination der Künstler für den Architekten Richard Buckminster Fuller nach.

von Annette Hoffmann
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Der Elektromotor surrt leise, die Holzstäbchen beginnen zu zittern und langsam senkt sich die Grundfläche nach unten. Was eben noch Spitze war, wird zur Grundfläche. Unmerklich später setzen sich die Stäbchen erneut in Bewegung und die Ausgangslage ist wieder hergestellt. „Untitled (Dodecahedron = Icosahedron)“ hat Attila Csörgö seine Installation genannt. Es klingt wie eine mathematische Gleichung. Und wäre da nicht der bühnenartige Aufbau mit Schnürboden und Technik in der unteren Etage und ihrem ausgeklügelten System aus Fäden, Gewichten und Schraubzwingen, man könnte glauben, hier würde wie von Geisterhand aus einem Dodekaeder ein Ikosaeder und umgekehrt. Doch es braucht einiges, um die Anordnung vergessen zu machen und den Körper isoliert im Übergang von einer Form in die andere zu sehen. Unaufwendiger gibt sich da Simon Dybbroe Møllers Film „20th Century Architecture“, das an das Kinderspiel „Himmel und Hölle“ erinnert. Der mehrlagige gefaltete Körper wird immer wieder von innen nach außen und von außen nach innen gestülpt. Jedes Mal wird eine andersfarbige Oberfläche sichtbar. Doch schlicht ist die Arbeit des dänischen Künstlers nur auf den ersten Blick. Sie ist als 16-mm-Film produziert und die Klaviermusik, mit der diese Sequenz unterlegt ist, lehnt sich an Fernsehformate an, die naturwissenschaftliche Erkenntnisse an ein breites Publikum vermitteln. Der eigentliche Humor dieser beiden Arbeiten hat viel mit der Diskrepanz von Aufwand und der Beiläufigkeit der Bewegungen zu tun.

Richard Buckminster Fuller hätten sie sicherlich gefallen. Und wenn das Universum, wie Fuller einmal sagte, keine Substantive kennt, sondern nur Verben, haben Møllers und Csörgös Werke etwas universell Verbales. Der amerikanische Universalgelehrte, Designer und Architekt ist auch Fluchtpunkt der aktuellen Ausstellung des Zeppelin Museum Friedrichshafen. „Wir sind alle Astronauten. Universum Richard Buckminster Fuller im Spiegel zeitgenössischer Kunst“ ist zwar im Vergleich zur ersten Version im Marta Herford, wo die Ausstellung auch konzipiert wurde, deutlich schlanker, aber nichtsdestotrotz am rechten Ort. Denn in Fullers Universum hatten auch Zeppeline ihren Platz. Auf Zeichnungen des Jahres 1928 findet man sie im Zusammenhang mit seinem „Lightful Houses“. Er sah sie als Transporthilfe für seine 4D Towers, aber auch mit Bomben bestückt, um das Fundament – auf eine eher unkonventionelle Art – auszuheben.

Spezialistentum ist Sklaverei
Dass Fullers Werk bereits zu seinen Lebzeiten im Kontext der Kunst wahrgenommen wurde, hat viel mit seinem unakademischen Denken zu tun. Spezialistentum war für ihn gleichbedeutend mit Sklaverei und allein die Künstler sah er in der Lage, die Strukturen der Natur zu erfassen und sie in Objekten zu gestalten. Seine Ideen leitete er aus der Praxis und der Anschauung ab. Zwei Mal wurde er aus Harvard verwiesen. Eine Universität musste so sein, wie er sie beim Black Mountain College in der interdisziplinären Zusammenarbeit erlebte. In den Sommern 1948 und 1949 traf er dort auf Josef und Anni Albers, John Cage, Merce Cunningham sowie Elaine und Willem de Kooning. Als er mit Studenten eine Kuppel aus Aluminiumlamellen errichten will, trägt die Konstruktion nicht. Die Möbel, die er Ende der 1920er Jahre für sein Stammrestaurant „Romany Marie’s Tavern“ entwarf, brechen unter dem Gewicht der Gäste zusammen. Und auch das Dymaxion House setzte sich nicht durch. Wäre da nicht Fullers geodätische Kuppel, man glaubte nicht an den amerikanischen Traum Fullers, den er als machbare Utopie auslegte. 1954 ließ er sich diese Konstruktion patentieren, die seit der Weltausstellung 1967 in Montreal eine weite Verbreitung fand. Sie war leicht, günstig, stabil und dadurch nachhaltig.

Vor allem der argentinische Künstler Tomás Saraceno bezieht sich auf das utopische Potential Fullers und hat jenen Perspektivwechsel vollzogen, der sich in Fullers Ausspruch „Wir sind alle Astronauten“ andeutet. Saraceno nimmt Fullers Projekt „Cloud Nine“ beim Wort und entwirft eine Lebensform, die aus schwebenden amorphen Strukturen besteht. Netzähnliche Gebilde befinden sich im Ausstellungsraum gleich Ufos über einer gezeichneten Luftansicht von Liverpool. Davor hat sich eine der Hohlformen angedockt. Einige der Flächen bestehen aus Solarfolie. Saraceno, der Architektur und Kunst studiert hat und mit Ingenieuren, Natur- und Sozialwissenschaftlern zusammenarbeitet, erforscht Materialien, die leichter als Luft sind. In seiner Ausstellung im Hamburger Bahnhof entwarf er ein System von Blasen, die teilweise begehbar, teilweise als Gewächshäuser dienten. Es ist eine Utopie extraterrestischen Lebens, die jedoch auf eine Vision von Urbanität oder Zusammenleben überhaupt verzichtet und keine Privatheit erlaubt. Aber wollte Fuller nicht das Denken aus dem „habitus of thoughts“ lösen?

Wie sich Häuser in Wolken verwandeln lassen, hat José Dávilas auf eine ganz andere Art dokumentiert. Seine Fotoarbeit „When Buildings become clouds“ zeigt in einer Art Vorher-Nachher-Gegenüberstellung den Abbruch von Häusern. Was eben noch solide stand, löst sich im nächsten Moment in eine Staubwolke auf. Ausgesprochen manifest geben sich auch die Flugobjekte von Manuel Graf. Vor einsamen Landschaften, Küstenstreifen und unbewohnten Hügeln stehen seltsame Pavillons oder geometrische Körper in der Luft, die durch Fensteröffnungen wie Häuser wirken, aber so gar nichts von der Leichtigkeit der Fullerschen Entwürfe haben.

In der zeitgenössischen Kunst finden sich Fullers Ideen als Aneignungen konkreter Projekte wieder – so ist in Friedrichshafen mit Pedro Reyes‘ „Ciclomóvil“ die umweltschonende Variante des „Dymaxion Car“ zu sehen –, aber auch in der Faszination, wie aus flächigen Strukturen räumliche werden. Sie drückt sich in Ai Weiweis Werk „Scale No. 2“ aus, das aus mehreren Rauten aus Kupfer und Stahl zusammengefügt ist, aber auch in Attila Csörgös Zeichnungen und Cuts „Peeled Cube I“, die sich auf Fullers Fähigkeit bezieht, herkömmliche Modelle – wie etwa die Weltkarte – gänzlich neu zu denken. Albrecht Schäfer hat sich für seine Installation ganz im Sinne Fullers die Bauweise der Natur zum Vorbild genommen. „Ocellus“ bezieht sich auf die Lichtsinnesorgane von Quallen, man kann die Arbeit aber auch als wandelbare Architekturlandschaft sehen. Wenn die vier Scheinwerfer am Boden die Luft hinreichend erwärmt haben, steigt die dünne Malerfolie auf und bildet kleine Kuppeln aus, sobald kühlere Luft sich dazu mischt, senkt sie sich wieder. Dynamisches Denken ist einfach poetischer.

Wir sind alle Astronauten.
Universum Richard Buckminster Fuller im Spiegel zeitgenössischer Kunst.
Zeppelin Museum

Seestr. 22, Friedrichshafen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr. Bis 6. Mai 2012.
Im Kerber Verlag ist ein Katalog zur Ausstellung erschienen, 248 S., ca. 26,90 Euro | 49.90 Franken.
Zeppelin Museum