14/10/16

Was wäre, wenn die Zeit fallen würde

Die Minuten schreiten unaufhörlich voran: das Kunstmuseum Solothurn befasst sich mit einem allgegenwärtigen Phänomen

von Yvonne Ziegler
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Roman Signer, Holzobjekt mit Uhr,  2008, courtesy the artist & Art Concept, Paris, Foto: Dorine Potel, © Roman Signer
Zeit verstreicht. Unaufhaltsam und unabhängig von uns. Die Zeit selbst als auch ihr Verstreichen sind unsichtbar. Umso bemerkenswerter ist es, dass die Schweizer Künstlerin Claudia Kübler die Sache auf eine vergnügliche Weise wörtlich nimmt. In ihrem Video ist eine Uhr mit einem nüchternen schwarz-weißen Ziffernblatt zu sehen, deren Zeiger sich in akkurater Eigenzeit bewegen. Dabei verteilen sie bei jeder Umdrehung Schlieren von schwarzer Farbe, bedecken das Messinstrument mit voranschreitender Zeit, jeweils aufs Neue. Die Arbeit ist im Kunstmuseum Solothurn zu sehen, das unter dem Titel „Zeit verstreichen. Moment und Dauer in der Gegenwartskunst“ eine kleine Auswahl von exquisiten Werken versammelt.

Der üblichen Uhr, Sinnbild objektiver Zeit, begegnet man in mehreren Varianten. René Zäch zeigt sie als Zylinder mit den Strichelungen eines Lineals, also dem Instrument, das jene andere große Kategorie den Raum standardisiert vermisst. Für seine Arbeit „Relief Uhr“ setzte er Zeiger in die Öffnung eines von der Wand abstehenden Kästchens. Auch Roman Signer präsentiert eine nichtfunktionale Uhr. Ein Zifferblatt liegt neben einem ebenso großen kreisrunden Loch, als wollte es auf das Räderwerk hinter der Zeitanzeige verweisen, auf die Leere oder auf ein Raum und Zeit verschluckendes schwarzes Loch. In seiner Videoarbeit kann man verfolgen, wie immer, wenn der Sekundenzeiger die volle Minute einer Uhr erreicht, ein in einem Eimer befindlicher Sprengkörper explodiert. Uhren als ferngesteuerte Bomben, mit unaufhaltsamen Zeigern, unabwendbar das Ereignis, witzig absurd im Kunstkontext, bedrückend bedrohlich draußen vor der Tür.

Zeit wird subjektiv erfahren und je nach Befindlichkeit als langsam oder schnell vergehend wahrgenommen. In einem Warengestell stehende Sanduhren von Luca Frei können in die Hand genommen und umgedreht werden, sodass ein jeweils subjektiver Moment eine Weile lang Dauer erhält. Gleichzeitig wird das Ablaufen von Zeit und die Vergänglichkeit alles Irdischen vergegenwärtigt. Oft möchte man Zeit festhalten, so etwa in Form der tropischen Pflanze von Julian Charrière, die in Eis konserviert in einer Glasvitrine schwebt. In einem kurzen Video desselben Künstlers wird anschaulich, dass ein Moment unabsehbare Folgen haben kann: Auf einer steinigen Anhöhe in Island bewegt Charrière einen großen Stein. Sein donnerndes Rollen lässt sich verfolgen bis es in der Ferne zum Erliegen kommt, aus Hörweite und Sichtbarkeit verschwindet, gleichsam verstummt. Andernorts könnte diese Geste einen Schmetterlingseffekt auslösen. Hier verfolgt man mit Genuss das Zusammenspiel von Gewicht, Form, Gelände und Erdanziehungskraft.

Zeit fällt nicht, Zeit fließt. Ein und denselben Wasserfall hat Giro Annen immer wieder zu unterschiedlichen Zeiten in Schwarz-Weiß aufgenommen. Der Kunstgriff der Serie verdeutlicht Zeit in Form von Veränderung. Bei Annen sind es Wasserstand, Schnee und Grün, bei Ursula Müller Kinder, die Jahr für Jahr größer werden und aus ihren Sachen wachsen. Peter Dreher stellt seit 1974 jeden Tag ein einfaches Wasserglas an denselben Platz im Atelier und malt es akribisch ab. Jedes Bild ist anders. Der Vergleich von Farbe, Spiegelung, Kontrast und Form verdeutlichen, dass jeder Tag ein anderer, jeder Moment neu, Mensch und Umfeld jeweils anders sind. Abstrakter und mit Blick auf wirtschaftliche Verflechtungen thematisiert dies Alicja Kwade in Form von verschiedenen Metallplatten, die sie an drei verschiedenen Tagen zum jeweiligen Tageskurs von fünf Gramm Gold erworben hat. Zeit kann man nicht zurückdrehen, aber immerhin verlangsamen wie in der wunderschönen Abschiedsszene von David Claerbouts Video: in Zeitlupe tritt eine Frau auf eine Terrasse, gießt Tee ein und wendet sich winkend dem Betrachter zu.       

Zeit verstreichen: Moment und Dauer in der Gegenwartskunst.
Kunstmuseum Solothurn
Werkhofstr. 30, Solothurn.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 30. Oktober 2016.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Verlag für moderne Kunst.

 

 

 




Kunstmuseum Solothurn