29/03/12

Auf Wanderschau

Von Inseln und Wegmarken: das Haus Konstruktiv zeigt Einzelschauen von Helen Mirra und Ralf Schroeter.

von Florian Weiland
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Von Inseln und Wegmarken: das Haus Konstruktiv zeigt Einzelschauen von Helen Mirra und Ralf Schroeter.8474schroeterkl.jpg

Rolf Schroeter ist nur wenigen Eingeweihten ein Begriff. Eine retrospektiv angelegte Einzelausstellung soll das ändern und dafür sorgen, dass das Werk des in Zürich geborenen Künstlers endlich die verdiente Anerkennung findet. Zu wünschen wäre es, denn Schroeter, der in diesem Jahr 80 wird, gehört zu den großen Meistern der experimentellen Fotografie. Herausragend ist seine Zusammenarbeit mit den ZERO-Künstlern Otto Piene und Günther Uecker. Auch in der Ausstellung im Haus Konstruktiv nimmt diese Kooperation breiten Raum ein.

Die Fotoinstallation „Aletheia“ ist das aktuellste Werk des Künstlers. Eine komplexe Arbeit, die uns auf die Halbinsel Wüstrow entführt. Im Dritten Reich befand sich hier Deutschlands größte Flakartillerieschule, nach Kriegsende diente die Insel als Flüchtlingslager und wurde dann militärisches Sperrgebiet. Nach Abzug der Russen wurde sie an eine Immobilienfirma verkauft, die aber ihre Pläne, hier ein Freizeitparadies einzurichten, schon bald aufgeben musste. Die Insel darf seit 2004 nicht mehr betreten werden. Kurz vorher entdeckte Schroeter diesen geschichtsträchtigen Ort und machte unzählige Aufnahmen von den Bauruinen. Eine unwirkliche und etwas unheimliche Atmosphäre geht von den Bildern aus. Sie dokumentieren den Zerfall und werden, in Verbindung mit Zitaten von Martin Heidegger oder Gottfried Benn, zu einem Sinnbild der wechselvollen deutschen Geschichte.

Die Bildkraft Schroeters findet ihren Kontrapunkt in den reduzierten Arbeiten von Helen Mirra. Der erste Ausstellungssaal wirkt fast leer. Nur an einer Wand des großen Raums hängen Bilder. Ein gelungener Affront. Helen Mirra wandert. Im Sommer 2010 war sie unterwegs im Umland von Zürich und Berlin sowie in der rheinischen Tiefebene. Betreibt die 1970 geborene Amerikanerin jetzt künstlerische Feldforschung? Aus den drei jeweils 30-tägigen Wanderungen entstand die Werkserie „Field Recordings“, die mit ihrem radikalen Minimalismus zunächst irritiert. Wir sehen Abdrücke von Ästen, Gräsern und Steinen oder Frottagen von Baumrinden und Straßenpflaster. Es sind Fragmente einer Natur, die austauschbar geworden zu sein scheint, Bruchstücke einer fernen Erinnerung. Die künstlerische Vermessung gibt dem Betrachter keinerlei Möglichkeit, die Wanderung nachzuvollziehen, auch wenn die Titel nüchtern sachlich Daten und Orte auflisten. Die serielle Aneinanderreihung der entstandenen Arbeiten hat dafür einen starken meditativen Charakter.

Rolf Schroeter. Kontakt.
Helen Mirra. Gehend (field recordings 1-3). Haus Konstruktiv

Selnaustr. 25, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 12.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 6. Mai 2012.
n Zur Ausstellung von Helen Mirra ist ein Künstlerbuch erschienen: Gehend (field recordings 1-3), Distanz Verlag, Berlin 2011, 320 S., ca. 39,80 Euro | 56.90 Franken.
Haus Konstruktiv