29/03/12

All roads lead to Switzerland

Klare Komposition, reduzierte Ästhetik: Das Zürcher Museum für Gestaltung feiert 100 Jahre Schweizer Grafik.

von Meret Arnold
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Klare Komposition, reduzierte Ästhetik: Das Zürcher Museum für Gestaltung feiert 100 Jahre Schweizer Grafik.4756radio.jpg

Ein weisses Kreuz auf rotem Grund – so würden die meisten von uns die Schweizerfahne beschreiben. Doch lässt es sich auch anders sehen: als rote Fläche, die in der Mitte ein Kreuz ausspart. Was irrelevant erscheinen mag, ist im Grafikdesign essentiell. Das Zusammenspiel zwischen Figur und Grund, die Beziehung von Bild und Text in Bezug zum Weissraum gehören zum Handwerk des Grafikers. Für dieses Handwerk ist das Schweizerkreuz zu einem Qualitätssiegel geworden, wie sich derzeit in der Ausstellung „100 Jahre Schweizer Grafik“ im Zürcher Museum für Gestaltung nachvollziehen lässt.

Von Plakaten, Flyern und Werbung über Erscheinungsbilder und Logos bis zu Signaletik und Schriftdesign kommen alle Bereiche zum Zug. Ein Fries aus Plakaten schlägt den Takt hochqualitativer Produktion: 1912 bis 2012, für jedes Jahr ein Plakat. Man kann erst die Jahre abschreiten oder bereits in die Nischen schlüpfen, in denen verschiedene thematische Schwerpunkte und Fallbeispiele beleuchtet werden. Die Schweizer Besucher haben dort ihr freudiges Wiedersehen mit der Kaufhauskette ABM, deren knallige Punkte unauslöschlich im kollektiven Gedächtnis gespeichert sind. Sie werden an die Tragödie der Swissair erinnert, die im Kult ihrer Signets weiterlebt; und nicht zuletzt begegnen sie dem M der Migros und dem SBB-Signet, zwei Zeichen, die immer noch so etwas wie Heimat bedeuten.

Im Mittelpunkt der vielfältigen Ausstellung stehen die 1950er und 1960er Jahre, als die Schweizer Grafik international zum Begriff wurde. Swiss Style, damit verbinden sich eine klare geometrische, asymmetrische Komposition, aufs Wesentliche reduzierter Einsatz der Gestaltungsmittel und die Verwendung von serifenlosen Schriften. Seinen Einzug hielt er gemeinsam mit der Helvetica. Die 1956 von dem Typografen Max Miedinger entwickelte Groteskschrift verbreitete sich schlagartig. Insbesondere bei grossen Konzernen stiess diese Ästhetik auf Resonanz. Layoutraster vereinfachten zudem die Gestaltung einer konsistenten Corporate Identity.

Die Entwicklung dessen, was heute als Schweizer Grafik gefeiert wird, begann bereits in den zwanziger Jahren. Der russische Konstruktivismus spielt ebenso eine Rolle wie die holländische De Stijl-Bewegung und das Bauhaus. El Lissitzky, Jan Tschichold und Anton Stankwoski sind hier zu nennen, die alle auch eine Zeit lang in der Schweiz gelebt hatten. Mit Max Bill, Richard Paul Lohse und Gottfried Honegger setzte sich die Linie der Reduktion fort. Sie alle sind mit Arbeiten vertreten und kommen in Film- und Fernsehbeiträgen zu Wort.

Kompositorische Regeln, das wird einem beim Gang durch diese Ausstellung bewusst, haben zu hervorragenden Druckerzeugnissen von grosser formaler und inhaltlicher Wirkungskraft geführt. Josef Müller-Brockmanns „Moins de bruit“ erzeugt mit einfachsten Mitteln maximale Spannung; Carlo Vivarellis Swissair-Plakat kombiniert Schrift, Fotografie und Bild raffiniert. Nur manchmal setzt sich Pedanterie durch. So wird einem bei allem Respekt etwas unwohl, wenn Lohse die „Systematisierung der Ordnung“ und die „Kontrolle der Elemente“ skandiert. Und man möchte nicht an die ganzen Corporate-Identity-Konzepte denken, die zu wahren Ordnungsbibeln auswachsen können.

Die strenge Seite wird zum Glück immer wieder durch den Humor gebrochen. Die legendären Fotomontagen von Herbert Matter für die Schweizer Tourismusindustrie sind Beispiele dafür oder das schöne Ausstellungsplakat von Jean Widmer „pliable – empliable“, dessen gelber Aufdruck sich zu einem Quadrat falten lässt. Nicht unerwähnt bleiben dürfen die allgemein beliebten TV-Spots von Migros oder Zürcher Verkehrsvereinen, in denen beispielsweise Frauen aufgefordert werden, ihre „Flaschen“ zu retournieren. Die Verspieltheit bricht auch nicht ab, wenn es um Leitsysteme im Verkehr und in Gebäuden geht. Dies zeigen Widmers teilweise rätselhaften, touristischen Piktogramme für die südfranzösische Autobahn oder die Signaletik aus projizierten Bildern und Schriften für die Cinémathèque Française vom Büro Intégral Ruedi Baur.

Das Plakat von Herbert Matter, das in der Nische zu Fotografie und Grafik vorgestellt wird, könnte als Leitmotiv für die ganze Ausstellung dienen: „All roads lead to Switzerland“, heisst es da – für die Grafik, das macht die Schau deutlich, trifft das auf jeden Fall zu.

100 Jahre Schweizer Grafik.
Museum für Gestaltung

Ausstellungsstr. 60, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 3. Juni 2012.
Museum für Gestaltung