22/07/16

High Heels auf High Speed

In Sylvie Fleurys Ausstellung in der Villa Stuck ist letztendlich alles eine Frage der Affirmation

von Roberta De Righi

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Installationsansicht Sylvie Fleury, My Life on the Road, Museum Villa Stuck, München, 216, Foto: Jann Averwerser
„Yes To All“ steht neuerdings in Neon-Versalien außen über dem Eingang der Münchner Villa Stuck – die totale Affirmation als Programm. Mit diesem Motto empfängt die Schweizer Künstlerin Sylvie Fleury und ihre aktuelle Präsentation „My Life on the Road“ die Besucher des Hauses.

Und innen, im Salon der Villa, stehen schicke Tüten herum, so als ob Mary von Stuck, die einstige Hausherrin, eben vom Shoppen heimgekehrt wäre. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine Alltagsszene, sind die Readymades mit dem Titel „Acne“ (2014), die Fleury aktuell drapiert hat. Während Franz von Stucks Gemälde derzeit für die Schau „Sünde und Sezession“ nach Wien verliehen sind, darf sich die Genfer Künstlerin in den einstigen Wohnräumen, im Alten Atelier und im Garten des Künstlerfürsten mit einer Schau austoben, die viel um High Heels und High Speed kreist.

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Installationsansicht Sylvie Fleury, My Life on the Road, Museum Villa Stuck, München, 216, Foto: Jann Averwerser
Seit rund 25 Jahren spielt Fleury konzeptuell und ironisch mit den Geschlechter-Klischees und Luxus-Stereotypen der Konsumgesellschaft. Da werden Schuhe zum Fetisch („Alaia Shoes“, 2003) und Schuhregale zum Allerheiligsten (Retrospective“, 2008/16); ein Parfumflakon („C’est la Vie“, 1995) wird zum Weihe-Gefäß, der Einkaufswagen zum Goldenen Kalb („Ela 75 K, Go Pout“, 2000) und die Motorhaube zum Altar: Eigens für diese Schau entstanden in Zusammenarbeit mit der Mayer‘schen Hofkunstanstalt drei Glasarbeiten („Car Wash Video Stills“, 2016), die jeweils eine weibliche Figur auf Stöckeln und im langen Kleid vor den Motorhauben von Buick, Chevy und Chrysler zeigen. Dass Fleury ein Faible für schnelle Flitzer und starke Maschinen hat, offenbaren auch verchromte Zwölfzylinder-Motoren (1999 und 2000) und ein purpurfarbenes Motorrad mit dem erstaunlichen Titel „Every Woman Has A Purple Bike Inside“ von 2016. Den plüschigen Gegenpol zur Boliden-Fixierung bilden Federboas, Flokatis und andere Flausch-Oberflächen, die sogar die Wände kuschelweich werden lassen.

Formal und inhaltlich aus dem Rahmen fällt auch das rosa Riesen-Popcorn (2008) aus mit Autolack überzogenem Fiberglas, das unter der Nachthimmel-Decke des Musiksalons so merkwürdig wie ein Meteorit wirkt; in Dimension und Thema korrespondiert es allerdings mit den überdimensionierten bunten Pilzen (2005-11), die Glamour-Hexe Sylvie im Garten wachsen lässt.

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Installationsansicht Sylvie Fleury, My Life on the Road, Museum Villa Stuck, München, 216, Foto: Jann Averwerser
Im Kontext des Hauses ist dies alles unterhaltsam, da Franz von Stuck als hocherfolgreicher Künstler und malerischer Kraftprotz mit Macho-Symbolik nicht geizte – was wiederum Madame Fleury reizte. So amüsiert die schwer symbolische Rakete („First Spaceship on Venus“, 2015) mit Nude-Schimmer im Rauchzimmer ebenso und wie ihr silbernes Pendant als fluffiger Sitzsack („Soft Rocket in Silver“, 1999) im Alten Atelier, bei dem allerdings schon alle Energie raus ist. Es ist nachvollziehbar, warum sich Sylvie Fleury über „Minimal-Don“ Judd lustig macht, indem sie dessen berühmte „Stacks“ mit amorphen „Blobs“ bestückt oder Lucio Fontanas „Concetto Spaziale“-Schlitzungen aufs Korn nimmt. Kaum eine ihrer Arbeiten nimmt nicht Bezug auf einen – männlichen – Heroen der Kunst. Doch der freche Charme der Persiflage wetzt sich als Grundidee in der Wiederholung ab und wird fade. Letztlich bleibt die Feminismus-Attacke an der Oberfläche – vor allem in dieser Ausstellung. Zudem sind einige Räume derart zugestellt, das der Besucher leicht den Überblick verliert. Das Video „Chanel Bags/Cristal Custom Commando“ (2008) und seine zerstörten Taschen-Relikte passt zwar ebenso gut in Marys Schlafzimmer wie der Revolver-Fön (2009) für suizidale Beauty-Queens ins ehemalige Bad. Die im Werk von Sylvie Fleury vorhandenen subversiven Knalleffekte verpuffen jedoch in der Überfülle.

 

Sylvie Fleury, My Life on the Road
Villa Stuck
Prinzregentenstr. 13, München.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 3. Oktober 2016.

 




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