21/07/16

Selbstoptimierung durch Spiritualität

Im Kunsthaus Glarus nimmt Shana Moulton Esoterik mit Humor

von Dietrich Roeschmann

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Shana Moulton, Every Angle Is an Angel, 2016 (m.), Every Cell Is a Bell, 2016 (l.), Installationsansicht, Foto: Gunnar Meier
Mit esoterischen Praktiken ist das so eine Sache. Wer sich darauf einlässt, tut das selten mit Humor. Eher schon mit hingebungsvoller Energie – auch wenn diese wiederum oft eine überraschend kurze Halbwertszeit hat. Der Grund: Zu groß ist das Angebot der New-Age- und Bewusstseinsindustrie, zu rasant der Wechsel ihrer Hypes. Diese latente Unruhe, die die Esoterik mit ihrem permanent in die Zukunft weisenden Versprechen der Erleuchtung verbreitet, und ihr Hunger nach Instant-Glück machen sie in gewisser Weise zur Halbschwester der Mode. Lässt man die Differenzen außen vor, geht es beiden um die kalkulierte Zuspitzung von Emotionen und zugleich um die Konstruktion von Flow: Entscheidend ist, dass ich mich heute wohlfühle, in diesem Augenblick, hier und jetzt. Und das am liebsten für immer. Doch natürlich ist es auch hier wie im richtigen Leben: Nachhaltigkeit erfordert Dranbleiben. Das weiß auch Shana Moulton (*1976), der das Kunsthaus Glarus derzeit eine kurzweilige Soloschau widmet. Die US-Amerikanerin interessiert sich schon seit längerem für spirituelle Strategien der Selbstoptimierung und die bizarre Konsumkultur, die die Sehnsucht nach der Balance von Körper und Geist hervorgebracht hat. Um dabei nicht selbst das Gleichgewicht zwischen Hingabe, Humor, Nähe und Distanz zu verlieren, schickt sie in ihren Videoarbeiten die Hausfrau Cynthia vor, eine von Moulton verkörperte Kunstfigur in den Enddreißigern, die sich mit staunender Neugier durch eine Welt voller glücksverheißender Gadgets und Heilapparaturen aus den Teleshops der Wellness- und Selbstfindungsbranche treiben lässt. Der Unterhaltungswert dieser Videos ist enorm, was nicht zuletzt an Moultons komischem Talent liegt und an ihrer Risikofreude, mit der sie oft nur knapp an banalen Albernheiten vorbei schrammt. Es ist genau dieser Hang zur Peinlichkeit, der einen seltsam erwartungsvoll mitfiebern lässt, wenn Cynthia wieder mal alleine in der Küche sitzt und psychogene Cornflakes knuspert, um kurz darauf umnebelt von Synthie Pop in einer von grotesken Smart-Tech-Entspannungsgeräten, pastellfarbenen Plastik-Fetischen, trashigen Tempelnachbauten animistischer Fake-Kulturen und jeder Menge belebter Materie vollgeräumten Welt aufzuwachen, die die Studio-Atmosphäre billiger TV-Märchenfilme aus den Achtzigern atmet. Darin steckt so viel schräger Witz, dass man fast übersehen könnte, wie eng Selbstkontrolle und Selbstvergessenheit hier miteinander verzahnt sind – eine zeitgenössische Erfahrung par excellence. Als post-soziales Wesen, das keine Einsamkeit kennt, weil die Beziehungen zu den Dingen erfüllend genug sind, verkörpert Moultons versponnene Protagonistin Cynthia auf denkbar böse Weise den idealen Menschen der Zukunft, dem der Imperativ zur Selbstoptimierung ein Schlüssel zum Glück ist und Vereinzelung die notwendige Voraussetzung für Erleuchtung. Selten so gelacht.   

Shana Moulton, Every Cell is a Bell
Kunsthaus Glarus
Im Volksgarten, Glarus.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14.00 bis 19.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 21. August 2016.

 

 

 

 




Kunsthaus Glarus