19/07/16

Freie Sicht auf die Arbeit

Die europäische Kunstbiennale Manifesta 11 in Zürich steht unter dem Motto „What People do for Money?” Interessante Antworten geben vor allem die Joint Ventures zwischen Künstlern und Nichtkünstlern

von Tiziana Bonetti
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Guillaume Bijl, Komposition im Hundesalon „Dolly“, Satellit Grieder, Zürich, © Manifesta 11, Wolfgang Traeger
Skandalisierung und Desavouierung von Gegenwartskunst sind im Boulevardjournalismus bewährte Strategien, um das Reizthema „Ist das noch Kunst?“ anzuheizen und bieten Vertretern reaktionärer Kunstdefinitionen einen Vorwand zur Entrüstung. Daher verwundert es kaum, dass die Arbeit „The Zurich Load“ von Mike Bouchet, zu Fäkalblöcken verarbeitete Ausscheidungen von Bewohnern Zürichs, an der Manifesta 11 in Kommentarspalten von On­linezeitungen für Furore gesorgt hat. Die achtzig Tonnen schwere, übelriechende Installation, die in ihrer Anordnung als Feld Assoziationen zur Landwirtschaft weckt, entspricht der täglichen Produktion von Klärschlamm der Stadt Zürich. Die Arbeit ist eine der im Rahmen der Manifesta 11 konzipierten Neuproduktionen und in Kollaboration mit der Wasseraufbereitungsanlage Werdhölzli entstanden. Mit dem Ausstellen dieses mit Ekel, Schweigen sowie mit Scham behafteten Ausscheidungsprodukts hat der Künstler kein Neuland betreten. Man denke etwa an Piero Manzonis Arbeit „merda d`artista“ von 1961 oder an die strafrechtlich verfolgte Aktion „Kunst und Revolution“, anlässlich welcher Exponenten des Wiener Aktionismus 1968 in einem Hörsaal der Universität Wien unter Absingen der österreichischen Nationalhymne ihre Notdurft verrichtet haben. Dennoch ist Bouchets Installation keineswegs abgedroschen: Das Ausstellen wertlosen Abfallmaterials im Kontext des Musealen weist auf in der Gesellschaft tabuisierte und verdrängte Themen wie Defäkation und Kot hin. Hier will Kunst weder Spektakel sein noch ein komplexes intellektuelles Verweissystem herausfordern, sondern tagtäglichen Prozessen und Produkten des Lebens Beachtung schenken. Weniger jedoch eröffnet die Arbeit Reflexionsräume für die Frage, was Menschen für Geld tun.

Der fehlende Bezug zu dieser Frage wäre nicht so verhängnisvoll, wenn Kurator Christian Jankowski der 11. Ausgabe der Manifesta nicht den Titel „What People Do for Money“ verliehen hätte und wenn dieser Mangel nur für Bouchets Installation symptomatisch wäre. Realiter aber steht man auch etwas ratlos vor Michel Houellebecqs im Helmhaus an der Wand hängenden Aufnahmen von Elektrokardiogrammen und Röntgenbildern: Die Vermutung liegt nahe, dass die Ausdrucke der medizinischen Tests, denen sich der Künstler unterzogen hat, mehr über den physischen Zustand des Patienten aussagen als über die Arbeits- und Lebensbedingungen in einer Grossstadt wie der Finanzmetropole Zürich.

Dennoch ist dem kuratorischen Konzept Jankowskis der sogenannten „Joint Ventures“, die eine Diffusion von Kunstraum und Stadt ermöglichen, einiges abzugewinnen: Für die Manifesta 11 haben 30 internationale Künstlerinnen und Künstler in gemeinsam mit selbstgewählten Gastgebern aus Zürich, Vertretern diverser Berufssparten, ein Projekt entwickelt. Guillaume Bijl hat zu diesem Anlass beispielsweise mit der Hundefriseurin Jacqueline Meier die Galerie Grieder Contemporary in einen temporären Hundesalon verwandelt. Diese Arbeit steht exemplarisch für das Plädoyer des Künstlers, Kunstinstitutionen abzuschaffen. Das Ergebnis des Austauschs der Künstler mit ihrem Gastgeber ist jeweils an drei verschiedenen Spots zu sehen: Im Löwenbräuareal oder im Helmhaus, in einem der Satelliten und nicht zuletzt in dem für die Manifesta 11 gebauten „Pavillon of Reflection“, einer ephemeren Holzkonstruktion, die auf dem Zürichsee schwimmt. Dort werden auf einem riesigen LED-Screen Filme gezeigt, die den Entstehungsprozess der neuen Kunstproduktionen dokumentieren. Die Idee einer dreifachen Rezeption, die einen je anderen Zugang zu den Arbeiten ermöglicht, ist originell. Leider hat sie den Nachteil, dass für die Erschliessung der teilweise entlegenen Satelliten viel Zeit aufgebracht werden muss. So auch für Matyáš Chocholas aus der Kooperation mit dem Thaiboxer Azem Maksutaj hervorgegangene Performance „Ultra Violet Ritual“, die in der Kampfsportschule Azem in Winterthur stattfindet.

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Matyáš Chochola mit Thai-Box-Weltmeister Azem Maksutaj, Winterthur, © Manifesta 11, Wolfgang Traeger
Anders steht es um das zweite kuratorische Konzept der Biennale, der „Historical Exposition: Sites under Construction“, welche der Sphäre des Museums verpflichtet bleibt. Da Jankowski und Ko-Kuratorin Francesca Gavin hier auf ein festes Narrativ verzichtet haben, bleibt die Aussageabsicht der mit Überschriften wie „Von Jägern und Astronauten“ oder „Arbeitspause“ versammelten Arbeiten etwas vage. Da tut es nichts zur Sache, dass unter den ausgestellten Arbeiten solche zu finden sind, die wegen ihrer scharfsinnigen Kritik an gesellschafts- und sozialpolitischen Bedingungen zum Diskurs über Chancengleichheit oder den horrenden Verschleiss fossiler Energien anregen. Ein Beispiel dafür ist die durch Fonds finanzierte provokative Arbeit des spanischen Künstlers Karmelo Bermejo. Die Gelder des Fonds stammen aus Spekulationen mit Anteilen an der spanischen Bankengruppe Bankia, deren Aktionäre während der Eurozonen-Krise 2012 neunzig Prozent ihrer Investitionen verloren. Den Profit verwendete der Künstler, um im August 2012 alle Plätze eines planmässigen Flugs von Barcelona nach Tunis zu kaufen. Als Relikt der Arbeit sind die 126 Bordkarten des leeren Luftfahrzeugs ausgestellt, die Quittungen der Börsengeschäfte sowie ein Film, der den Kauf der Sitze und den Flug dokumentiert. Mit dem leeren Flug reproduziert Bermejo die Dekadenz des westlichen Kapitalismus und demaskiert durch Nachahmung zugleich den verschwenderischen Umgang mit Ressourcen.

Offen bleibt, ob die Manifesta 11, die nomadisch jedes zweite Jahr eine andere europäische Stadt bespielt, das Desiderat ihrer Organisatoren nach Erschliessung neuer Publikumssegmente erfüllen wird oder, ob dieses Anliegen trotz Durchbruch des hermetischen Kunstraums Utopie bleiben muss.           

 

Manifesta 11 – Europäische Biennale für zeitgenössische Kunst
Kunsthalle Zürich, Migrosmuseum für Gegenwartskunst, Helmhaus und andere Orte in Zürich.
Bis 18. September 2016.

 

 




Manifesta 11