30/03/12

Fernes Echo der Rebellion

Die Retrospektive Edward Kienholz' präsentiert ein wütendes Werk, dessen Zeitgeist viel Patina angesetzt hat.

von Dietrich Roeschmann
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So kann’s gehen: Zwei Wochen vor Eröffnung der Basler Werkschau des 1994 verstorbenen Amerikaners Edward Kienholz baten dessen Witwe Nancy und das Museum Tinguely die Bevölkerung im Netz um ihre Stimme. „Sind Sie zufrieden mit Ihrer Regierung?“, lautete die Frage. Eine Routinesache. Bislang startete noch jede große Kienholz-Schau mit dieser Einübung direkter Demokratie. Und immer gab es zur Antwort ein grimmiges „Nein!“ – außer bei den Baslern: Die stimmten mit „Ja“. Nun hat die Ausstellung ein Problem.

Tatsächlich ist diese Umfrageaktion nämlich nicht nur Ausstellungsprolog, sondern Teil einer riesigen Installation, die das Zentrum der Schau in Basel markiert. „The Ozymandias Parade“ von 1985 entwirft auf spiegelnder Varieté-Bühne eine Art szenische Karikatur der am eigenen Größenwahn scheiternden Staatsgewalt. Ein irrer Präsident hängt hier kopfüber am Bauch eines bockenden Schimmels, gefolgt von seinem Vize, der auf einem enthaupteten Pferdekadaver in die falsche Richtung reitet. Eine halb verhungerte Frau schließlich, auf der ein gesichtsloser General die Peitsche schwingt, komplettiert die Horror-Parade als symbolische Inkarnation des geschundenen Volkes. Es ist eine apokalyptische Monumentalmetapher auf die Macht, die Eitelkeit und das destruktive Treiben der politischen Klasse, die Edward und Nancy Kienholz hier zusammengeschraubt haben. Eine gute Bühne, auch das Publikum zu Wort kommen zu lassen, dachte sich Nancy Kienholz wohl, und in der Regel funktioniert das auch. Noch in der Frankfurter Schirn, wo die Schau bereits im Winter zu sehen war, verklebte – auf Packband gekritzelt – ein empörtes „No!“ die Münder der Herrscherpuppen. Dass in Basel daraus nun ein „Yes!“ wurde, offenbart auf überraschende Weise die Schwäche dieser Arbeit: So humorvoll und plakativ sie sich in grellem Agit-Populismus ergeht, so ernsthaft und selbstverständlich rechnet sie zugleich mit der Meinungskomplizenschaft des Publikums. Bleibt diese aus – und sei es nur aus Widerwillen gegen den Hang zur Vereinfachung, der jede populistische Rhetorik begründet –, gerät die Empörungsmaschine ins Stocken. Und selbst das Einverständnis mit Kienholz’ Haltung macht es nicht besser: an der Kritik von Vetternwirtschaft, Doppelmoral oder der Arroganz der Macht scheiden sich die Geister schon lange nicht mehr. Sie ist Konsens, zu recht. An den Tableaus von Edward und Nancy Kienholz ist diese Entwicklung nicht vorbei gegangen. Auch wenn die Probleme, die sie verhandeln, nach wie vor aktuell sind: ihr provokatives Potenzial, das zeigt die Basler Schau überaus eindrucksvoll, hat sich erschöpft. Was hier umso deutlicher zu Tage tritt, ist das überraschend simple Gerüst politischer und moralischer Überzeugungen, um die sich das Werk von Edward und Nancy Kienholz seit den frühen Siebziger Jahren organisiert.

Das Paar hatte sich 1972 kennengelernt und arbeitete seither zusammen. Die Idee, aus gefundenen Materialien bühnenbildhafte Environments zu bauen, hatte Edward Kienholz bereits Ende der 1950er Jahre entwickelt. Wenig später entstanden erste „Concept Tableaus“, auch mit dem Basler Jean Tinguely. Schlagartig berühmt machten den 1927 geborenen Autodidakten jedoch seine drastischen Polit-Environments, die er seit Mitte der Sechziger mit den Biedermännern und Wiedergängern des amerikanischen Traums bevölkerte. Den Stoff dazu lieferten ihm die Abend-News: Krieg, Rassismus, Sexismus, Zensur. Die „Moral Majority“ tobte – und pilgerte dennoch massenhaft in seine Ausstellungen. Es war die Geburt einer zutiefst moralischen Kunst, die aus dem Clash von Privatheit und Öffentlichkeit, von Wohnzimmer und Schlachtfeld einen Kunstskandal nach dem anderen produzierte. Ihr messianischer Furor und ihre Überwältigungsrhetorik leben bis heute in den Arbeiten von Künstlern wie Thomas Hirschhorn oder dem 2010 verstorbenen Christoph Schlingensief fort.

Das Werk von Edward und Nancy Kienholz hingegen ist mittlerweile zum Stillstand gekommen. Eine der letzten Installationen der beiden entstand kurz vor Edwards Tod 1994: „76 J.C.s“, eine Ansammlung von aus Leiterwagendeichseln, Puppengliedern und gefundenen Jesusbildern montierten Wandkreuzen. Das Andachtsbild eröffnet die Basler Schau, und auch der Weg zum Ausgang führt wieder daran vorbei. Es ist, als ob dieses altersmilde Werk hier noch einmal der Wut einen spirituellen Rahmen geben soll, die Edward und Nancy Kienholz in ihr Panoptikum der onanierenden Politiker, korrupten Präsidenten und zu Spielobjekten degradierten Frauen investierten. Tatsächlich aber mutiert die Ausstellung dadurch zu einer Art Kapsel, die den rebellischen Zeitgeist der Siebziger wie ein Bernstein umschließt.

Kienholz: Zeichen der Zeit
Museum Tinguely

Paul-Sacher-Anlage 1, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 6. Mai 2012.
Museum Tinguely