11/07/16

Die Zugkraft der Alten

Nicht nur die Art Basel zeigte: In Krisenzeiten wächst das Interesse an historischen Positionen

von Annette Hoffmann

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Heidi Bucher, Bellevue, 1988, courtesy The Approach, London
Schon während der Art Basel konnte man Stimmen vernehmen, die beklagten, dass die Kunstmesse auf Nummer sicher gehe. Dabei waren weder das Durchleuchten der Taschen gemeint noch die überwiegend flachen Absätze von Galeristinnen und Galerieassistentinnen. Es ging um die Kunst. Experimentierfreude sinkt in Zeiten, die als Krise wahrgenommen werden. Wer in Kunst investiert, setzt weniger auf junge Künstlerinnen und Künstler, deren weiterer Werdegang nicht vorausgesagt werden kann. Da passte es, dass eine Arbeit von Joan Mitchell (1925-1992) bei der Galerie Cheim & Read für 5,5 Mio. Dollar auf der Art Basel an ein Museum verkauft wurde. Im Auktionshaus Christie‘s hatte 2014 eines ihrer Bilder 11,9 Mio. Dollar erzielt, kurz bevor das Kunsthaus Bregenz ihr eine große Retrospektive widmete. Schaut man sich etwa das Portfolio einer global agierenden Galerie wie Hauser & Wirth an, muss man den Eindruck gewinnen, das Geschäft mit den Arbeiten toter Künstlerinnen und Künstler lohne sich. Die Galerie betreut auffällig viele Nachlässe, unter anderem von Lee Lozano (1930-1999), Philip Guston (1913-1980), Eva Hesse (1936-1970) und Fausto Melotti (1901-1986). Für Galerien hat das den Vorteil, ein abgeschlossenes Oeuvre zu betreuen – was sich durchaus mit einer verknappten Ware gleichsetzen lässt. Selbst ein Galerist wie Jean-Claude Freymond-Guth, dessen Anfänge in der Zürcher Off-Szene liegen, weist ein Portfolio auf, in dem neben den Jungen auch Künstlerinnen wie Heidi Bucher (1926-1993) und Sylvia Sleigh (1916-2010) auftauchen. Eine Arbeit von Heidi Bucher, präsentiert zusammen mit The Approach, London, war dann auch auf der diesjährigen Art Unlimited zu sehen.

Dass unter diesen Wiederentdeckungen auffallend viele Frauen sind, dürfte niemanden verwundern. Zu viele Künstlerinnen zogen gegenüber ihren männlichen Kollegen zeitlebens den Kürzeren und zu lang währte die Rezeption von Künstlerinnen als Schmerzensfrauen. In den USA gibt es einige Museen, die daraufhin ein „Women-only-Programm“ gegründet haben, das Münchner Lenbachhaus unter seinem Leiter Matthias Mühling verfolgt eine ähnliche Strategie, dort waren bereits Ausstellungen mit Werken von Florine Stettheimer (1871-1944) und Lea Lublin (1929-1999) zu sehen, derzeit zeigt das Haus eine Ausstellung mit Werken von Rochelle Feinstein (*1947). Nicht immer wird es den Institutionen allein um eine Würdigung eines vernachlässigten Werkes gehen, auch die Profilierung des eigenen Hauses spielt hier eine Rolle. Und vielleicht ging dieser Trend ja auch sogar von einer jüngeren Generation von Künstlerinnen und Künstlern aus, die Leitbilder suchte, die noch nicht vom Markt vereinnahmt worden waren. Wie etwa die Designerin Janette Laverrière (1909-2011), die durch Kooperationen mit der Bildhauerin Nairy Baghramian (*1971), unter anderem in der Kunsthalle Baden-Baden in einem ganz neuen Kontext wahrgenommen wurde. 2010 wurde dann auf der Art Basel erstmals mit den Features einen Sektor eingeführt, der Werken älterer Künstlerinnen und Künstler einen kuratierten Rahmen geben sollte.