08/07/16

Ein Bilderrätsel

Das Schaulager führt ein Kammerstück mit Werken von Katharina Fritsch und Alexej Koschkorow auf

von Yvonne Ziegler

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Katharina Fritsch, Puppen, 2016, Zita – Щара Kammerstück von Katharina Fritsch und Alexej Koschkarow, Schaulager, Münchenstein/Basel © 2016, ProLitteris, Zurich, Foto: © Ivo Faber / 2016, ProLitteris, Zurich
Das Schaulager Basel zeigt „Zita – Щapa“, ein „Kammerstück“ von Katharina Fritsch (*1956) und Alexej Koschkarow (*1972), in einer aus drei unterschiedlich hohen Kammern bestehenden Ausstellungsarchitektur. Der Blick fällt zunächst auf eine kadmiumgelbe Figurengruppe von Fritsch: zwei Frauen und ein Mädchen aus Epoxidharz. Ihnen gegenüber befindet sich ein weißer Kachelofen mit offenem Türchen von Koschkarow. Sowohl die Inszenierung als auch die Plastiken verschließen sich einem unmittelbaren Zugang. Es gilt, das Kammerstück Stück für Stück zusammenzusetzen.

Fritschs „Puppen“ (2016) verbinden handwerkliches Können mit neusten technischen 3-D-Druckverfahren. Ausgangspunkt waren drei etwa zehn Zentimeter große handgefertigte Souvenierpüppchen aus Maisstroh, die Fritsch aus Bratislava mitgebracht hatte. Durch Maßstabsvergrößerung, Materialänderung und gelbe Einfärbung wirken Kopftücher und Puffärmel der slowakischen Trachten ebenso deplatziert wie das über den Arm gelegte Handtuch oder der in der Hand gehaltene Reisigbesen. Emotionale Sicherheiten von Heimat, Häuslichkeit und Kindheit lassen sich nur noch erahnen. Demgegenüber erscheint Koschkarows „Kalter Ofen“ (2016), in dessen Inneren ein munteres Feuer zu leuchten scheint, geradezu fassbar. Seine ungewöhnlich stachelige Form, die an coole Strahlen- und Flammendarstellungen von Comics denken lässt, entpuppt sich erst bei näherem Betrachten als die einer im Explodieren befindlichen Handgranate. Abrupt schlägt häusliche Sicherheit und behagliche Wärme in Vernichtung um.

Der Ausstellungstitel „Zita – Щapa“ verweist auf den Ersten Weltkrieg. Zita von Bourbon-Parma war die letzte Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn, die nach 1918 im Exil lebte. Ihr Begräbnis führte ein halbes Jahr vor dem Fall des Eisernen Vorhangs in Wien die Volksgruppen ihres ehemaligen Reiches in Landestrachten nochmals zusammen. Der in Weißrussland befindliche Fluss Щapa war im Ersten Weltkrieg eine wichtige Verteidigungslinie, an der Koschkarows Urgroßvater verwundet wurde. Koschkarow selbst kam 1993 nach Deutschland, um an der Kunstakademie Düsseldorf bei Fritz Schwelger zu studieren, der zuvor Lehrer von Fritsch war. So kamen nach dem Kalten Krieg die im Osten und im Westen sozialisierten Künstler in Kontakt. Im Kammerstück vermischt sich Biografisches mit Historischem. Die Werke thematisieren Tod und Hölle, einstige Lebensweisen (das jüdische Schtetl) und gescheiterte Ideologien (Sozialismus) sowie Macht, Gewalt und Herrschaft (Krieg, Heldendenkmäler, Bunker, Adler). Irritierenderweise sind die Protagonistinnen weiblich: sittsame Bäuerinnen und sexuell dominante Soldatinnen.         

Katharina Fritsch & Alexej Koschkarow, Zita – Щapa
Schaulager
Ruchfeldstr. 12, Basel.
Öffnungszeiten: Donnerstag 13.00 bis 19.00 Uhr, Freitag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 2. Oktober 2016.

 




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