06/07/16

Zwischen Verfremdung und Kritik

Die 13. Triennale Kleinplastik Fellbach befasst sich mit der alltäglichsten Skulptur: dem Essen

von Valérie Hasenmayer
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Laure Prouvost, Reliques Haaaaaaa Haa, 2013, Courtesy Galerie Nathalie Obadia, Paris/Bruxelles; Depressed Plants, 2014, Courtesy the artist and MOT International London and Brussels, Ausstellungsansicht, Foto: Peter D. Hartung
Es riecht ein wenig nach Speck und Geräuchertem in der Alten Kelter in Fellbach und man kann sich nicht ganz sicher sein, ob es an den Ausstellungsstücken liegt oder an dem alten Gebälk, unter dem vor vielen Jahren Essbares gelagert wurde. Auf gewisse Art und Weise verhilft die 13. Triennale Kleinplastik der Alten Kelter zu einem Revival ihres eigentlichen Zwecks. Der heutige Veranstaltungsraum wurde zum Ausstellungsort für „Food – Ökologie des Alltags“ und ist für das kleine schwäbische Örtchen Fellbach überraschend subversiv. Internationale Künstler wie der viel beachtete Pierre Huyghe stellen hier aus. Aquarien, in denen Tomaten umhertreiben (Shimabuku, *1969) beispielsweise, oder eine pittoreske Sammlung kleiner Schnapsfläschchen mit Erzeugnissen nichtkommerzieller Brenner (Banu Cennetoglu, *1970) sind zu sehen. Manches ist seltsam vertraut, anderes seltsam verstörend und wieder anderes anscheinend so sinnentleert wie kontemporäre Kunst sich auf den ersten Blick nur geben kann. Und doch steckt in allem die umfassende Frage nach einem ganz bestimmten Sinn: Wovon ernähren wir uns eigentlich? Und wie konsumieren wir.

Mal sind es Gegenpole, die aufmerksam machen, wie Dan Rees‘ bunt verpackte Algensnacks in Glasvitrinen gegenüber beleuchteten Wassertanks, in denen das unverfälschte, organische Pendant schwimmt. Mal sind es Verfremdungen wie Att Poomtangons aus Zucker und anderen Lebensmitteln gepresstes Gemüse. Und mal ist es Kritik am Konsum oder dem heutigen Warenwert, wenn Supermarktprodukte vor dem Wegwerfen gerettet und nun in Gläsern konserviert von Besuchern erworben werden können (Valentin Beck, *1988 & Adrian Rast, *1988) – gern auch gegen eine nicht-finanzielle Gegenleistung wie eine Einladung zum gemeinsamen Gespräch. Wie schlammbraunes Wasser in Evian-Flaschen von Pamela Rosenkranz (*1979) oder der Tee, der mit Regenwasser aufgebrüht wird, das direkt aus der Regenrinne der Kelter in die Kanne fließt (Latifa Echakhch, *1974). Kuratiert wurde die Skulpturenschau von Susanne Gaensheimer, Direktorin des MMK, dem Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, und zweimalige Kuratorin des Deutschen Pavillons auf der Biennale Venedig. Co-Kuratorin ist die in Frankfurt lebende Schweizerin Anna Goetz. In unterschiedlichen Ebenen und Positionen haben die beiden die Werke der 40 Künstlerinnen und Künstler angeordnet und einen Skulpturenparcours geschaffen, der völlig unterschiedliche Sichtweisen des Themas nebeneinander stellt.

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Subodh Gupta, Season, 2013 (m.), © Subodh Gupta, Foto: Axel Schneider, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main
Vieles hat eine wunderbare Ästhetik, mal alltäglich, mal dekonstruiert und artifiziell, und löst oft eine kindliche, von allen Sinnen geprägte Reaktion aus, die Lebensmittel so oft in uns hervorrufen: Man will die Objekte anfassen, daran riechen – oder gar ungeniert an einem der Zuckercouleur-Objekte lecken. Auch möglich: Abscheu. Gegenüber Tierskulpturen aus Mist oder Schimmel in Plastikdosen. Spätestens dann will man genauer wissen, was man vor sich hat. Und hier klafft eine Lücke in der Alten Kelter: Man muss sich mit viel Muße den umfangreichen Ausstellungskatalog vornehmen, um zu erfahren, dass es sich bei den Mangos von Subodh Gupta (*1964) auf dem Nähtischchen um überraschend echt wirkende, bemalte Bronzeobjekte handelt. Dass der halb gedeckte Tisch mit dem grandiosen Titel „I see supper coming“ von einer tatsächlichen Eisschicht bedeckt ist, die von der in einem Podest versteckten Kühlanlage produziert wird. Und am Ende auch das Wesentliche: Was hat sich der Künstler wirklich dabei gedacht? Politisch, ökologisch, ökonomisch und aus künstlerischen Gesichtspunkten. Oft ist man hier zwiegespalten.        

 

FOOD – Ökologien des Alltags. 13. Fellbach Triennale für Kleinplastik.
Alte Kelter Fellbach
Untertürckheimer Str. 33, Fellbach.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14.00 bis 19.00 Uhr, Donnerstag 14.00 bis 21.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 2. Oktober 2016.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Kerber Verlag, Bielefeld 2016, 216 S., 24 Euro | ca. 34 Franken.

 

 




Kleinplastik Triennale