15/07/16

Die Schönheit des unendlich aufgeschobenen Zusammenbruchs

Die Fondation Beyeler probt einen überraschend stimmigen Dialog der Œuvres von Alexander Calder und Fischli / Weiss

von Dietrich Roeschmann
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Peter Fischli, David Weiss, Gleichgewichtsorgan 1986, Aus der Serie der Grauen Skulpturen, Studio Fischli/Weiss, © Peter Fischli, David Weiss, Foto: Fischi/Weiss Archiv, Zürich
Natürlich wäre es schön, wenn die Konservatoren der Fondation Beyeler es so entspannt angehen lassen könnten wie die Ratte und der Bär, die derzeit als Alter Ego des Schweizer Künstlerduos Fischli/Weiss im Foyer am Boden herumlümmeln. In unbekümmerter Faulenzer-Haltung dösen die beiden Stofftiere zufrieden gen Decke, wo an dünnen Drahtseilen eines dieser raumgreifenden, wunderbar leichten Mobiles des US-Amerikaners Alexander Calder schwebt wie ein Traumfänger – so silbrig schimmern die schuppenartigen Plättchen an den Enden der dünnen Drahtarme. Doch bei aller Poesie dieses Zusammentreffens von Plüschtier-Niedlichkeit und modernistischer Eleganz fällt vor allem eines auf: Calders Mobile bewegt sich nicht. Weil hier niemand die Fenster öffnet und kräftig Durchzug macht, reicht die Luftzirkulation im Museumsraum nicht aus, um die fragile Skulptur in jene sanfte Bewegung zu versetzen, deren hypnotischer Zauber seit jeher als Calders Kernkompetenz gilt. Aus konservatorischer Sicht ist das nachvollziehbar: Zarte Konstruktionen erfordern besonderen Schutz – manchmal auch vor den Kräften, die sie eigentlich zum Leben erwecken sollen. Wirklich bemerkenswert aber ist, dass der ruhende Zustand des Mobiles seiner Magie keinen Abbruch tut. Im Gegenteil: Allein das Wissen um die Fragilität seines Gleichgewichts scheint auszureichen, um uns in Trance zu versetzen. Es ist ein Schwebezustand, seltsam glücklich, ziellos und erwartungsfroh wie die selbstvergessene, aber für alles Unvorhersehbare offene Zweisamkeit, die Ratte und Bär repräsentieren.

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Peter Fischli, David Weiss, Ratte und Bär (schlafend), 2008, Museo Nacional Centro de Arte Reinan Sofia Madrid, © Peter Fischli, David Weiss, Foto: Fischi/Weiss Archiv, Zürich
Genau um solche Momente ging es Kuratorin Theodora Vischer, als sie die Idee zu dieser in jeder Hinsicht unwahrscheinlichen Gegenüberstellung der Werke von Alexander Calder und Fischli/Weiss in der Fondation Beyeler hatte. Das Ergebnis ist so betörend, dass man kaum fassen kann, warum die Gemeinsamkeiten in den Œuvres des stilbewussten Starkünstlers der Spätmoderne und der Postdadaisten mit Wurzeln in der Zürcher Punkszene bislang kaum Beachtung fanden. Vischer hat dafür in zwölf Räumen rund 100 Arbeiten versammelt. Knapp ein Viertel davon stammen von Fischli/Weiss, die bis zu David Weiss’ Tod im Jahr 2010 als Künstlerduo nicht nur Großteile ihres Werks, sondern auch die gemeinsame künstlerische Praxis um die experimentelle Erkundung von Zuständen prekärer Balance herum organisierten. Ihre Serie „Equilibres”, mit der sie Mitte der Achtziger gewissermaßen am Küchentisch Kunstgeschichte schrieben, füllen in Basel einen ganzen Raum. Mit gutem Grund: Sie ist so etwas wie das Leitmotiv der Schau. Mit spürbarer Lust am Ausloten der Grenze zwischen Gelingen und Scheitern stapelten Fischli/Weiss dafür vor der Kamera Stühle, Besen, Flaschen, Gemüse und andere Dinge zu atemberaubend hinfälligen Skulpturen, die scheinbar durch nichts anderes zusammengehalten wurden als durch die Erwartung ihres Kollapses. Wie der reale Infarkt der Dinge Kräfte freisetzt, die für einen kurzen, utopischen Augenblick in neuer Balance münden, um dann erneut ins Chaos zu kippen, führt nebenan ihr Film „Der Lauf der Dinge” vor, der kurz nach den „Equilibres” entstand und als aberwitzig inszenierte Kettenreaktion kollabierender Zustände der Dingwelt längst zu den Blockbustern des Kunstkinos zählt.  

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Alexander Calder, The General Sherman, 1945, Julie and Edward J. Minshoff, © 2016 Calder Foundation, New York, ProLitteris, Zürich
Entfalten die Arbeiten von Fischli/Weiss ihre Poesie hier vor allem aus der Idee des Scheiterns, zielten Calders skulpturale Erkundungen von Taumel, Tanz und Gleichgewicht ganz auf das Gelingen. Eingebettet in die ebenso stringent wie leichtfüßig erzählte Werkgeschichte des Amerikaners von den frühen, vom Zirkus inspirierten Drahtskulpturen bis zu seinen berühmten Mobiles, wird Calders Streben nach Harmonie als endlose Folge temporärer Balanceakte im zentralen Saal der Basler Schau geradezu physisch erfahrbar. Mehr als zwei Dutzend Arbeiten – eine nahezu authentische Reinszenierung einer Werkschau Calders von 1951 im MIT Cambridge – vermitteln einem hier das Gefühl, die Sprengzeichnung eines modernistischen Traumes zu betreten, in dem allein der Mensch noch der Schwerkraft zu gehorchen scheint. Oder sagen wir besser: sein Körper. Denn die Wahrnehmung hat hier längst jede Bodenhaftung verloren und lässt sich treiben im Strom der Endorphine.     

 

Alexander Calder & Fischli/Weiss.
Fondation Beyeler
Baselstr. 101, Riehen / Basel.
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 4. September 2016.

 

 

 




Fondation Beyeler