31/03/12

Die Reaktion der Linien

Silvia Bächli versetzt die Räume im Kunstmuseum St. Gallen mit ihren Zeichnungen in Rhythmus.

von Yvonne Ziegler
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Silvia Bächli versetzt die Räume im Kunstmuseum St. Gallen mit ihren Zeichnungen in Rhythmus.138511_aus_farbiges_zimmer.jpg

Zeichnen ist ihr Metier: Schwarzweiß, mit Pinsel und Stift, in Gouache, Acryl, Tusche oder Ölkreide auf Papier unterschiedlichen Formats. Seit Neuestem tritt Farbe hinzu. Wer bisher gedacht hat, Zeichnungen könnten einen Raum nicht wirklich bespielen, wird im Kunstmuseum St. Gallen eines Besseren belehrt.

Punktuell und kraftvoll gesetzt vermögen Silvia Bächlis Arbeiten auf Papier jedem Raum eine andere Anmutung zu verleihen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die von Konrad Bitterli kuratierte Ausstellung „Far apart – close together“ verschiedene Präsentationsformen aufzeigt: die Blätter sind thematisch in Tischvitrinen gruppiert, liegen als Fotografienfries oder in Ensembles gruppiert auf einem Holzgestell. Wer das Oeuvre der Schweizer Zeichnerin (*1956) kennt – sie vertrat die Schweiz 2009 auf der Biennale in Venedig und ist Professorin an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe –, wird über den ersten Ausstellungssaal, das Rote Zimmer, erstaunt sein. Auf großformatigem Papier sind in Englischrot Lineaturen aus senkrechten und waagerechten Strichen gesetzt, wobei jedes Blatt einen anderen Rhythmus, andere Interpunktionen besitzt. Ohne Rahmung und bewusst mit Abstand über- und nebeneinandergesetzt spannen sie einen formalen Bezugsraum auf, der den Betrachter umfängt. Denn die Linien reagieren aufeinander, wenn das Auge über die Wände gleitet oder den Raum kreuz und quer durchblickt. Die Linien und Leerstellen der Zeichnungen ermöglichen es, den Raum zu erleben. Innerhalb der fließenden Gesamtinstallation, die für das Kunstmuseum St. Gallen entwickelt wurde, gibt es Punkte, die den Blick auf sich ziehen: Unregelmäßigkeiten, Verdichtungen von Farbe, offene Netzstrukturen oder Einzelblätter, die zwar parallel zu den roten entstanden sind, jedoch geschlossene Formen oder organische Linienverläufe aufweisen.

Wer in Venedig war, wird im großen Oberlichtsaal viele Blätter wiedererkennen, wenngleich sie hier anders angeordnet sind. Kleine Zeichnungen hängen neben Großformaten, ähnliche Motive erzeugen ein wechselvolles Spiel, zwischen den Arbeiten entstehen Verbindungen. Der Betrachter ist zum vergleichenden Sehen aufgefordert, vermag inhaltliche Bezüge zu erkennen, was nur möglich ist, wenn er ständig die Distanz zu den Arbeiten verändert. Dabei bleibt vieles rätselhaft, denn Bächlis Arbeiten zeichnen sich durch Uneindeutigkeit und inhaltliche Leerstellen aus, die je nach Zusammenstellung mit anderen Blättern eine andere Leserichtung erhalten. Jede Zeichnung ist ein offenes Kunstwerk, das nicht auf eine Interpretation festlegbar ist und somit das Potential besitzt, unvorhersehbare Deutungen zu erlangen. In diesem Zusammenhang ist Bächlis Arbeitsweise aufschlussreich: Sie beginnt mit einer vagen Vorstellung, zeichnet schnell und hängt die entstandenen Blätter anschließend im Atelier auf. Arbeiten, die sich im alltäglichen Umgang als spannend erweisen, dürfen hängen bleiben, viele gelangen jedoch fürs Erste in Archivschachteln. Im Ensemble „Tibet“ tauchen 1994 erstmals Fotografien auf: Eine Kopie einer Stadtansicht aus einer Zeitschrift steht in losem Verbund zu Gesichtern, Rückenansichten, Hausstrukturen und Blumen, ist Teil eines Assoziationsfeldes, das mehr eigene Gedanken anstoßen als alles verstehen will. Auf Island fotografierte Bächli 2008 zusammen mit Eric Hattan die jahreszeitlichen Veränderungen ihrer Atelierumgebung. Doch die wohl schönste Wiederbegegnung ist ein Film, in dem ein Schneemann eine amüsante Talfahrt unternimmt.

Silvia Bächli: Far apart – close together.
Kunstmuseum St. Gallen

Museumsstr. 32, St. Gallen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 13. Mai 2012.
Kunstmuseum St. Gallen