29/06/16

Ausstieg aus dem Kunstbetrieb?

Der Maler Vittorio Brodmann führt in der Kunsthalle Bern vor, wie man richtig schlechte Witze richtig gut erzählt. Oder ist es umgekehrt?

von Gabriel Flückiger
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Vittorio Brodmann, Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch, 2016, Foto: Gunnar Meier
Vittorio Brodmann (*1987) witzelt gerne. Mit der Klaviatur des Unernstes kokettieren viele seiner oft kleinformatigen Malereien: Zum einen ist da eine Maltechnik, die sich keinen Deut um den gekonnten Farbauftrag oder die formvollendete Komposition schert. Zum anderen verzerrt er seine Figurenmotive in clowneske, fantastische, ja betörende Dimensionen. Seine Soloschau in der Kunsthalle Bern verströmt so eine grundsätzliche Leichtigkeit. Doch genau so wie Witze augenzwinkernd oder erheiternd sein können, so können sie schlecht erzählt oder unnötig sein. Verlässt man „Water Under the Bridge” (zu deutsch: Schnee von gestern), hallt diese Ambivalenz nach. Da war doch Einiges Krummes dabei. Und man ist unangenehm touchiert: Also die ganze Show auch nur ein Witz, nur Schnee von gestern? Alles bereits abgeschrieben und zum post-konzeptuellen Verwürfnis stilisiert?

Vittorio Brodmann malte lange nur kleinformatig, scheute sich vor der grossen Geste der Malerei, die die Klassiker des abstrakten Expressionismus bereits anfangs des letzten Jahrhunderts durchdekliniert hatten. Und doch: Seine beiden wandfüllenden, monumentalen Gemälde „Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch” und „Enough People to Fill a Canoe”, beide 2016, hantieren mit einem ungemein befreiten, eben expressiven Malprozess. Farbe tritt hier in weichem, sanften Tonwert und in Form von Klecksen, Flechten, Bahnen und verflüssigten Zuständen hervor. Die meist nur in Umrissen gezeichneten geflügelten Wesen, abstrus länglichen Figuren und anthropomorphen Tiere mischen sich gekonnt in dieses Farbregime, entschlüpfen den farbintensiven Gebilden meist erst auf den zweiten Blick. Doch kommt beispielsweise „Enough People to Fill a Canoe” zu schnell zur Pointe: Ein charmant-schelmisch blickender Käfer, daneben ein geköpfter, spritzender Oberkörper, der in einen sich verflüssigenden comic-ähnlichen Fuchskopf übergeht um schliesslich von einem merkwürdigen Engelwesen angeführt zu werden. So unmittelbar diese ausgesprochene Narrativität und Assoziationskraft ist, so stark vermisst man Sorgfalt und Doppelbödigkeit in dieser Verspieltheit. Dagegen gelingt „The Night We Called it a Day”, 2016, genau das. Es sind schwer zu fassende tierische Fabelwesen, Gesichter, Menschenkörper, deren abstrakte, an absonderliche Geschlechtsteile erinnernde Ausstülpungen humoristisch entblösst wirken und doch von existentieller Dringlichkeit sind. Ein abgrundtiefer Witz, das melodiöse Wippen im Klang des Untergangs. 

Brodmann kann unzweifelhaft als junger Shootingstar des Schweizer Kunstbetriebs gelten. Seine Biografie liest sich prototypisch für ein zeitgenössisches, erfolgreiches Künstlersubjekt: International vernetzt, sowohl in Galerien und Institutionen als auch in Off-Spaces ausstellend und einem hippen lokalen Künstlernukleus entstammend. Doch fragt sich genau hier, was das eigentlich für Karieren sind, die der heutige, fördergesättigte Kunstbetrieb gestaltet: Mit 29 Jahre die erste institutionelle Schweizer Einzelausstellung: Das ist sportlich. Aber was kommt danach? Eine Biennale-Teilnahme? Und dann? Es scheint heute fast einfacher, als Kunstschaffender bekannt zu werden als unentdeckt zu bleiben. „Schnee von gestern” – vielleicht ist Brodmanns Ausstellung doch als Verwürfnis des eigenen Auftritts zu lesen, als vermeintlicher Rückzug aus der relevanzbescheinigenden Kunstgeschichte.

Insofern passen auch viele kunsthistorische Reminiszenzen, die sich in seine Bilder eingeschlichen haben: Über Katharina Grosses Farbwuchtigkeit, Gauguins Körper-Exotismus bis hin zu Picassos einsamen Figuren der blauen Phase. Bewusst ungelenk und eklektizistisch, doch ungemein sprechend, insbesondere Letztere bei „Tears of Steel”, 2016. Melancholiker erzählen eben doch die besten Witze.      

Vittorio Brodmann: Water Under The Bridge.
Kunsthalle Bern
Helvetiaplatz 1, Bern.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 28. August 2016.

 

 

 




Kunsthalle Bern