27/06/16

Runter vom Sockel, rauf auf den Sockel

Die Überblicksschau „Sculpture on the Move” im Neubau des Kunstmuseums Basel zeigt sichere Werte in dominanter Architektur

von Annette Hoffmann

sculptureonthemovemerz.jpg

Joseph Beuys, Schneefall, 1965, Richard Long, Stone Line, 1977, Mario Merz, Acqua scivola (Igloo di vetro), Collezione Merz, Turin (l.); Donald Judd, Untitled, 1969, Courtesy Kunstmuseum Basel, Fotos: Gina Folly
Folgt man dem Kunstsoziologen Walter Grasskamp, so werden Museen derzeit Opfer ihres eigenen Erfolges. Je größer die Sammlungen werden und je mehr Ausstellungsbesucher kommen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Neubau brauchen. Doch damit ist noch nicht alles gut. Im Gegenteil. Die Betriebskosten steigen und verschlingen Geld, das eigentlich in die Sammlung investiert werden sollte. Basel hat es bekanntlich besser. In der Stadt am Rheinknie haben sich Kultur und Geld noch nie ausgeschlossen. Der im April eröffnete Neubau von Christ & Gantenbein gegenüber dem in den 1930er Jahren errichteten Kunstmuseum wäre ohne die finanzielle Unterstützung der Mäzenin Maja Oeri nicht möglich gewesen.

Für Bernhard Mendes Bürgi, der am 1. September die Leitung des Kunstmuseum Basel an seinen Nachfolger Josef Helfenstein übergeben wird, schließt sich ein Kreis. Nicht nur kann er seine Karriere mit einem Neubau krönen, die Eröffnungsschau „Sculpture on the Move“ bezieht sich auf die große Malereiausstellung „Painting on the Move“, an der Bürgi 2002 mitgewirkt hatte. In seinem Katalogvorwort betont Bernhard Mendes Bürgi, dass er weniger daran interessiert war, den Zeitgeist zu zeigen, als Analogien und Widersprüche und ein „Moment der Innovation“. Das bedingt ein oft hartes Aufeinandertreffen der Positionen, die nicht zu einer Auseinandersetzung anregen. In Basel nähert man sich dem Thema Skulptur in Dekaden. Die Schau setzt kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein und endet mit zeitgenössischer Kunst im Museum für Gegenwartskunst, das mit der Neueröffnung in Kunstmuseum Basel/Gegenwart umbenannt wurde. Der neue Name steht für eine stärkere Einbindung in das Gesamtkonzept und stellt zugleich die Frage nach der Legitimation des Hauses, das mit dem Neubau endgültig zu einem Annex geworden ist.

sculptureonthemovestella.jpg

Frank Stella, Damascus Gate, 1969/70, Foyer Kunstmuseum Basel, Courtesy Kunstmuseum Basel, Fotos: Gina Folly
„Sculpture on the Move“ zeigt Spitzenwerke. Für das Jahrzehnt zwischen 1980 und 1990 sieht das dann so aus: Jeff Koons, Charles Ray, Robert Gober, Mike Kelley, Martin Kippenberger, Félix González-Torres, Katharina Fritsch, Peter Fischli/David Weiss, Franz West und Isa Genzken. Das klingt als hätte man jegliches Risiko vermieden. Tatsächlich schafft man einen Wettbewerb zwischen den Werken, die alle kleine Diven sind. Hinzu kommt, dass eine Gegenüberstellung von Martin Kippenbergers Alter Ego „Martin, ab in die Ecke und schäm dich“ und Félix González-Torres’ Bonbon-Installation „Untitled (USA Today)“ eine kuratorische Idee braucht, die darüber hinausgeht, dass man diese Werke in der Ecke präsentieren muss.

Man merkt der Ausstellung an, dass es noch an Erfahrung mit den Räumen fehlt oder dass diese mitunter eine Hegemonie über die Kunst beanspruchen. Die Architekten Emanuel Christ und Christoph Gantenbein haben zwar ein Spektrum an unterschiedlich großen Räumen aus dem Grundriss herausgeholt, doch wählt man den Verbindungstrakt zwischen Alt- und Neubau, um zur Ausstellung zu gelangen, fühlt man sich in einem unterkühlt wirkenden Transitbereich, an dessen Ende man Frank Stellas „Damascus Gate“ nur vermuten kann. Als eine wesentliche Errungenschaft der Skulptur der Gegenwart wird im Katalog die Befreiung vom Sockel gefeiert. Im Kunstmuseum Basel hingegen sieht man Sockel – was nicht zuletzt an dem Eichenboden mit seiner groben Rasterung liegt. Im ersten Raum, der Werke von Constantin Brancusi und Alberto Giacometti zeigt, kommt es dadurch zu merkwürdig gestaffelten Doppelungen und bei Carl Andres Bodenarbeit „Altstadt Square“ von 1967 gar zu einer Konkurrenz. Die Skulpturen, die in der Eröffnungsschau „Sculpture on the Move“ gezeigt werden, sind allesamt längst im Kanon der Kunst angekommen, im Erweiterungsbau hingegen noch nicht.           

 

Sculpture on the Move 1946-2016.
Kunstmuseum Basel
St. Alban-Graben 20 / St. Alban-Rheinweg 60, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 18. September 2016.
Im Hatje Cantz Verlag sind die Publikationen „Sculpture on the Move 1946-2016”, 167 S., 35 Euro | ca. 45.40 Franken, sowie „Kunstmuseum Basel. Neubau”, 120 S., 25 Euro | ca. 41.90 Franken, erschienen.

 

 




Kunstmuseum Basel