22/06/16

Setzt sich ein Rochen auf einen Sockel

Im Aargauer Kunsthaus schlafen bei João Maria Gusmão und Pedro Paiva nur die Eskimos

von Annette Hoffmann
Thumbnail

gusmaogemuese.jpg

João Maria Gusmão & Pedro Paiva, Ausstellungsansicht The Sleeping Eskimo, Aargauer Kunsthaus, Aarau, Foto: David Aebi, Burgdorf
Gute Witze sind in der zeitgenössischen Kunst leider selten. João Maria Gusmão (*1979) und Pedro Paiva (*1977) jedenfalls beherrschen Humor. Ihre Scherze gehen so: Erzählen sich drei afrikanische Albinos nachts am Lagerfeuer einen Witz, oder so: Da liegt ein Cowfish auf einem weißen Teller und bewegt sanft staunend die Flossen. Oder was ist das: Zwei in die Höhe gereckte Füße, ein männliches Geschlecht und ein Bronzeumriss? Ein Erpel. Dass die Haut der drei Männer, die sich immer wieder lachend auf die Schenkel hauen und den Nachbarn anstupsen, vielleicht zu empfindlich für das Tageslicht ist, dass die Luft nicht das natürliche Element eines Fisches sein kann (wie dankbar wäre man hier insgeheim über das Tiere-kamen-hier-nicht-zu-Schaden-Siegel), verdrängt man beim Ansehen dieser Filme nur für einen Moment. Man weiß, nicht alles im Leben geht gut aus – und man kann sich täuschen.

Die beiden Portugiesen, die seit 2001 zusammenarbeiten und vor sieben Jahren ihr Land auf der 53. Biennale von Venedig vertreten haben, sprechen selbst von ihren Arbeiten als einer „erholsamen Metaphysik“. In der Schweiz, die ein Künstlerpaar wie Fischli/Weiss hervorgebracht hat, sind sie damit gut aufgehoben. Dass sich das Heitere mit der Reflexion verbinden kann, zeigt sich in ihrer Ausstellung „The Sleeping Eskimo“ im Aargauer Kunsthaus.

Ihre Installation „Eye Model“ aus dem Jahr 2006 besteht aus einer Lichtquelle und zwei Straußeneiern, in einem befindet sich eine Linse. Die Elemente sind so angeordnet, dass auf der Wand ein von einem orangefarbenen Lichtkranz umgebener schwarzer Kreis entsteht. Die Camera Obscura-Installation bezieht sich auf ein Experiment von René Descartes. Ohne jegliche physikalische Genauigkeit machen sie in einigen ihrer Bronzearbeiten Bewegungsabläufe sichtbar. „Ping Pong“ etwa zeigt das zweimalige Aufkommen eines Tischtennisballes auf dem Boden und seine Positionen in der Luft. Bei „Pressure Cooker“ materialisiert sich der Dampf, der aus dem Kochtopf entweicht, in einer kleinen, aber manifesten Säule. Von Bronze ist man eine Kunst gewöhnt, die sich gewichtiger nimmt. 

João Maria Gusmão und Pedro Paiva sind durch ihre 16mm-Filme bekannt geworden, deren einziger Sound oft das Rattern der Projektoren ist. Bereits im ersten Raum stimmt die Installation „Onça Geométrica“ mit ihren übereinander liegenden farbprächtigen Kringeln und Kreisen auf die aufwändig präsentierten folgenden Filme ein. Immer wieder löst das Duo Bewegungen in Standbilder auf und visualisiert so die vergehende Zeit. „Getting into bed“ von 2011 zeigt eine nackte Frau, die sich wie in Zeitlupe zum Schlafen niederlegt und bezieht sich auf die Bewegungsstudien von Eadweard Muybridge.

In Aarau zeigt sich: Selbst wenn die beiden Künstler in Bronze arbeiten, sind sie noch an filmischen Fragen interessiert. Der Witz von Gusmão und Paiva könnte vom Slapstick beeinflusst sein. Ihre großformatigen Polaroid-Aufnahmen, die in diesem Jahr entstanden sind, bilden inszenierte Motive wie eine rauchende Kartoffel ab. Da gibt es einen bronzenen Rochen, der auf einem Sockel sitzt und einen traurigen Chinakohl, der den Schnauzer hängen lässt. Zu der PVC-Skulptur ließen sich Gusmão und Paiva von Schauessen japanischer Restaurants inspirieren. Muss man einmal nicht kichern, dann nehmen einen ihre Filme mit den kochenden Eiern und geschnitzten Früchten völlig gefangen.       

 

João Maria Gusmão & Pedro Paiva: The Sleeping Eskimo.
Aargauer Kunsthaus
Argauerplatz, Aarau.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 7. August 2016.
Zur Ausstellung erscheint im Juni ein Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2016.

 

 




Aargauer Kunsthaus