20/06/16

Himmel und Hölle

Das Künstlerhaus Stuttgart widmet der früh verstorbenen US-Amerikanerin Ellen Cantor eine umfassende Werkschau

von Valérie Hasenmayer

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Ellen Cantor, Circus Lives from Hell, 2005, Courtesy Ellen Cantor Estate, Foto: Frank Kleinbach
Zärtlichkeit und Gewalt, persönliche Entwicklungen und politische Zustände, Liebe und Massaker, Massenmedien und postmoderne Kunst liegen manchmal nahe beieinander. Im Werk der US-amerikanischen Künstlerin Ellen Cantor (1961-2013) zumindest scheinen die Grenzen auf sonderbare, aber auch seltsam stimmige Weise zu verschwimmen. Denn in die meisten ihrer Arbeiten muss man erst tief eintauchen, um zu verstehen, dass Cantor auf verschiedenen Ebenen spielt, ohne belehrend zu sein oder sich in die Karten schauen zu lassen.

Oft ist das ganz subtil, manchmal ganz klar. So treffen in „Hold me, my Love, I love you, I want to die with you“ Stills aus einem romantischen Liebesfilm auf Szenen aus einem Porno. Hingebungsvolles Händchenhalten versus explizites Ficken. Und mehr noch: Während die Romantik in quadratischen Rahmen stattfindet, wird die Pornografie in einem großen Kreuz zur Religion erhoben. Während Cantor hier noch anonym bleibt, sind in weiteren Arbeiten eigene Erfahrungen offensichtlicher. In Cantors Film „Within Heaven and Hell“ wird in einer persönlichen Erzählung eine romantische Liebe zum Leidensweg, untermalt von Kitsch-Szenen aus „The Sound of Music“, die nahtlos in Ausschnitte aus „The Texas Chainsaw Massacre“ übergehen. Das Schöne und das Grausame liegen ganz nah beieinander, in der Kunst und im Leben.

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Ellen Cantor, Remember Me, 1999, Courtesy Ellen Cantor Estate, Foto: Frank Kleinbach
Es geht um Identität und Wahrnehmung, die eigene und die die Gesellschaft, um Liebe und Lüge, denn auch diese Verbindung bildet sie immer wieder ab, um Unterwerfung und Lust – vor allem die weibliche. Und es stellt sich immer wieder auch ein leichtes Unbehagen ein, wenn man Cantors Arbeiten betrachtet, einerseits weil die Künstlerin einen ganz in ihre Nähe zwingt und intime Grenzen aufzuheben scheint, und andererseits, weil man beginnt, gewisse Strukturen zu hinterfragen. Nicht nur gesellschaftliche und persönliche, sondern auch philosophisch-psychologische: „Is tragedy a choice?“

Die Ausstellung ist die bislang erste, umfassende Retrospektive zu Ellen Cantors Werk und ein gemeinsames Projekt des Künstlerhaus Stuttgart und des CCA Wattis in San Francisco. Fatima Hellberg, künstlerische Leiterin des Künstlerhauses, und Jamie Stevens vom CCA Wattis hatten in San Francisco bereits mit der Künstlerin zusammengearbeitet, die 2013 verstarb. „Das Kuratieren bestand zum Teil zunächst auch aus einem Zusammensuchen der Arbeiten, die an verschiedenen Orten verstreut waren, in enger Zusammenarbeit mit Freunden und Kollegen von Ellen Cantor“, so Hellberg.

Momentan arbeitet das Team daran, den Film „Pinochet Porn“ fertig zu stellen, dessen Trailer auch in der Ausstellung zu sehen ist. Filmmaterial, Anleitung und Notizen von Cantor sowie mehr als 80 Zeichnungen bilden die Grundlage für den zweistündigen Film, der im September auf Kinotour gehen soll. „Ellen Cantor hat sich nicht als Einzelkünstlerin gesehen, sondern immer mit anderen zusammengearbeitet und ihre Kunst als einen ‚Kreislauf magischer und intuitiver Kooperation‘ verstanden“, sagt Fatima Hellberg – „umso besser für den Film, der jetzt von den beteiligten Künstlern fertig gestellt werden kann.“

Und so schafft Ellen Cantor schon wieder Schnittstellen ‒ zwischen der Idee und den Erfahrungen eines Einzelnen und der Arbeit eines Kollektivs, einer fiktiven Geschichte und der eines wahrhaftigen Politikers, zwischen Zeichnung, Narration und Filmaufnahmen. Artistic Porn in the Circus Lives from Hell, könnte man sagen.    

 

Ellen Cantor: Retrospektive.
Künstlerhaus Stuttgart
Reuchlinstr. 4b, Stuttgart.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 12.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 31. Juli 2016.

 

 

 

 




Künstlerhaus Stuttgart