17/06/16

Erfahrung des Krieges durch verschlossene Türen

Die Soloschau des libanesischen Künstlers Akram Zaatari im Kunsthaus Zürich

von Dietrich Roeschmann

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Akram Zaatari, Letter to a Refusing Pilot, 2013, Videostill, © Akram Zaatari, Courtesy the artist and Sfeir-Semler Gallery, Hamburg/Beirut

Natürlich wäre es gelogen, zu behaupten, dass Bilder immer lügen, nur weil sie nicht die ganze Wahrheit erzählen. Eher könnte man ihren Wahrheitsgehalt mit dem eines Gerüchts vergleichen, denn das was sie zeigen, ist immer nur der Ausschnitt eines komplexeren Umfelds, das sich dem Bild entzieht, ohne darin aber wirklich abwesend zu sein.

Der libanesische Künstler Akram Zaatari  beschäftigt sich schon seit langem mit Gerüchten. Mehr noch: Sie sind das Material seiner Kunst. Nach einem viel beachteten Auftritt an der Venedig-Biennale 2013, der ihn zum Star der Kunstszene im Nahen Osten machte, ist sein Werk jetzt in der berührenden Soloschau „This Day at Ten” im Kunsthaus Zürich zu sehen.

„Heute um zehn” – das war am 6. Juni 1982, einem Sonntag. Zaatari, damals 16 Jahre alt, Pasolini- und Fassbinder-Fan, saß in der Wohnung seiner Eltern in Saida und schrieb Tagebuch, während auf dem Kassettenrecorder „Comment te dire adieu” von Françoise Hardy lief, einem der Stars der französisch geprägten Popkultur im Libanon. Eine großformatige Fotografie der aufgeschlagenen Wochenkalenderseite hängt im Entrée der Ausstellung. An den meisten Tagen beschränken sich die Einträge auf wenige Zeilen, nur am 5. und 6. füllen sie dicht gedrängt zwei komplette Spalten, überschrieben mit dem Hinweis: „Photos!“. Diese wiederum spiegeln sich in Zürich im Rahmenglas an der gegenüberliegenden Wand. Zusammengesetzt aus gut zwei Dutzend Einzelbildern zeigen sie den Hügelkamm hinter Zaataris Elternhaus, auf dem zwischen Wohnblocks Bomben der Israelis detonieren. „This day“ war der Tag, an dem der Libanonkrieg begann und Akram Zaatari beschloss, mit der Kamera und dem Kassettenrecorder wahrzunehmen, was vor der Haustür geschah, weil seine Eltern ihm verboten, die Wohnung zu verlassen.   

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Akram Zaatari, Saida June 6, 1982, showing camera movements, 2006-2009, © Akram Zaatari, Courtesy the artist and Sfeir-Semler Gallery, Hamburg/Beirut

Diese Erfahrung des Krieges durch verschlossene Türen schärfte Zaataris Blick für die beiläufigen Informationen der Bilder, Geräusche, Gegenstände und Gerüchte, aus denen wir unsere Wirklichkeit filtern. Eines der Gerüchte, das er hier erstmals hörte, bildet auch den Ausgangspunkt der jahrelangen Recherche zu seiner Videoarbeit „Letter to a Refusing Pilot”. Die Filmcollage erzählt die Geschichte eines Piloten der israelischen Armee, der im Sommer 1982 den Befehl hatte, PLO-Kämpfer an der südlibanesischen Küste zu bombardieren. Doch weil das Ziel seines Angriffs eine Schule sein sollte, drehte er stattdessen ab und warf die Bomben ins Meer.  

Zaatari hörte diese Geschichte Dutzende Male, in immer neuen Versionen – auch von seinem eigenen Vater, dem damaligen Direktor der Schule. Offizielle Informationen dagegen fehlten, da die israelische Armee den Fall als Geheimsache einstufte. Die Suche nach Hinweisen auf diese Heldentat vom Hörensagen hat Zaatari seither nicht losgelassen. Das Material, das er in seinem Video mit der Akribie eines Archäologen zusammenträgt – von alten Bauplänen der Schule und Teenager-Porträts im heutigen Pausenhof bis zum Sound der Kampfjets und Zeitungsfotos zerstörter Straßenzüge –, fügt sich hier zu einer ungemein poetischen, zwischen Realität und Fiktion flirrenden Erzählung über die Schwierigkeit, historische Wahrheit aus den Bruchstücken kollektiver und persönlicher Erinnerung abzuleiten.

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Akram Zaatari, This Day at Ten, Austellungsansicht Kunsthaus Zürich, Foto: Lena Huber, © Akram Zaatari, Courtesy the artist and Sfeir-Semler Gallery, Hamburg/Beirut

Dass Akram Zaatari den Piloten tatsächlich ausfindig machte, erwähnt der Film nur am Rand – und auch die Bilder aus dem Familienalbum, die der alte Mann ihm zeigte, sind in Zürich nicht zu sehen. An einer leeren Wand, zwischen Zaataris eigenen Fotoserien über die kaum fassbare Beharrlichkeit von Glück und Menschlichkeit inmitten eines von Verwüstung geprägten Alltags, prangen lediglich Bildtexte zu den Fotos des Piloten, die beschreiben, was auf ihnen zu sehen wäre: „Das ist eine Schwarz-Weiß-Fotografie, am Strand aufgenommen, vermutlich in Haifa”, steht da etwa. „Sie zeigt zwei junge Männer in dunklen Badehosen. Der ältere, rechts, ist Hagai, etwa 18 Jahre alt. Er lächelt”. Das Lächeln dieses künftigen Bomberpiloten und Befehlverweigerers ist pure Imagination, bildet gerade deshalb aber so etwas wie das Zentrum diese Ausstellung. Zaataris ist überzeugt: Nur wenn wir die Aktualität historischer Bilder begreifen lernen, können wir eine Vision für eine bessere Zukunft entwickeln.


Akram Zaatari: This Day at Ten.

Kunsthaus Zürich
Heimplatz 1, Zürich
Öffnungszeiten: Dienstag, Freitag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr,
Mittwoch und Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 31. Juli 2016.




Kunsthaus Zürich
Akram Zaatari, Sfeir-Semler Galerie Hamburg