05/04/12

Trickfilm-Studie über die Unschärfe der Bilder

Keine Zustände, sondern Diffusionen: Andrea Milhaljevic' und Stefan Hösls Magazin im Freiburger T66.

von Dietrich Roeschmann
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Keine Zustände, sondern Diffusionen: Andrea Milhaljevic' und Stefan Hösls Magazin im Freiburger T66.3289magazinekl.jpg

Aus dem Keller des Freiburger T66 dringt ein leises Flüstern. Als säße da jemand in Selbstgespräche verwickelt, absorbiert von der Welt und ganz für sich. Nur hin und wieder unterbricht Baustellenlärm den intimen Monolog: „Die Sprache reicht nicht aus, um ein Bild wirklich zu erfassen“, wispert es da die Treppe hinauf, „wie soll man wiedergeben, was geschieht?“ Und überhaupt: „Ein Bild, ein Gegenstand – was ist das?“ Gute Frage.

Jean-Luc Godard, dessen Synchronstimme aus dem Untergeschoss tönt, hatte sie 1967 in seinem grandiosen Fimessay „2 ou 3 choses que je sais d’elle“ gestellt. Eine Antwort blieb er schuldig. Stattdessen verstrickte er sich lieber in Dutzende weiterer Fragen und philosophischer Gedanken, die sich wie Schlingpflanzen um die Bilder seines Films rankten, während die Kamera eine junge Mutter durch ihren Alltag in einer Pariser Banlieu der Sechziger begleitete.

Die Frage, was ein Bild sei und was ein Objekt, beschäftigt auch das Freiburger Künstlerpaar Andrea Milhaljevic und Stefan Hösl seit geraumer Zeit. In ihrer aktuellen Ausstellung gehen sie dieser Frage nun – ausgehend von Godards hypnotischer Parallelerzählung – in einer spannenden Versuchsanordnung aus Polsterbildern, Möbelobjekten und Papierarbeiten nach. Das Herzstück der mehrdeutig betitelten Schau „Magazin“ bildet die im Untergeschoss vor sich hin flüsternde Videoarbeit „Compilation 3/1“.

Zu sehen ist hier eine Stop-Motion-Animation vom Durchblättern einer französischen Architekturzeitschrift aus den 1960er Jahren, die Hösl und Mihaljevic zunächst in Einzelseiten zerlegten, zwischen jedes Blatt einen Filmstill aus Godards „2 ou 3 choses“ montierten und dann zu einem neuen Magazin banden. Einzeln abfotografiert, als Film zusammengeschnitten und mit den Fragmenten der Original-Tonspur von 1967 unterlegt, gibt diese Videoarbeit eine kurzweilige und bemerkenswert stringente Trickfilm-Studie über die Unschärfe der Begriffe ab. Was „Compilation 3/1“ erkundet, ist kein Zustand, sondern Diffusion – ein permanenter Übergang zwischen Buchobjekt, Fotografie, Magazin, Film und Hörspiel, den Milhaljevic und Hösl im T66 auch als Raumerfahrung inszenieren. Im Obergeschoss liegt das abgefilmte Künstlerbuch neben zwei weiteren Montagen von "L'Architecture aujourd'hui" zur Ansicht aus (die eine mit Stills aus Bruce Conners Experimental-Tanz-Film "Breakaway" von 1966, die zweite mit zwischen die Originalseiten collagierten Detail-Reproduktionen aus dem Heft) und ergänzt die möglichen Perspektiven so um den haptischen Modus des Daumenkinos.

Wie konsequent das Künstlerpaar an der Verflüssigung der Grenzen zwischen Bild und Objekt arbeitet, zeigen auch die anderen Arbeiten, die ihre Schau versammelt. Mal mutiert hier eine gekippte Innenansicht von Le Corbusiers legendärer Villa La Roche zum abstrakten Wandbild, das zugleich den Ausstellungsraum ins Bild setzt, mal dient die perspektivisch verzerrte Aufnahme einer Bodeninstallation, die die beiden im Freiburger Kunstverein zeigten, als Vorlage für ein großformatiges Polsterbild. Und selbst die kleine Porträtskulptur des Pop-Art-Künstlers Claes Oldenburg, dem das Duo eine Riesenfarbtube in die Arme drückte, wirkt hier wie der handmodellierte 3-D-Abzug einer Schwarz-weiß-Fotografie. Was also könnte das sein – ein Bild, ein Gegenstand? Eine eindeutige Antwort bleiben auch Andrea Mihaljevic und Stefan Hösl schuldig. Kein Wunder: es gibt sie nicht. Und während sich diese Erkenntnis langsam setzt, flüstert Justine, die Hauptfigur aus Godards „2 ou 3 choses“, im Keller des T66 selbstvergessen das Beste aus Ludwig Wittgenstein „Tractatus“ vor sich hin: "Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt."

Andrea Mihaljevic / Stefan Hösl: Magazin.
kulturwerk T66

Talstr. 66, Freiburg.

Öffnungszeiten: Do., Fr. und So. 14.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 15. April 2012.
Am Karfreitag ist das T66 geschlossen, ist aber am Ostermontag offen.

T66

Luc Godard

Bruce Conner

Stefan Hösl Andrea Mihaljevic