13/06/16

Im Resonanzraum des Werkes

Das Kunstmuseum Solothurn richtet Ingeborg Lüscher eine Retrospektive aus, die keine sein will

von Tiziana Bonetti

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Ingeborg Lüscher, Das Herz auf dem Weg zur Werdung, 1975, Foto: Rudolf Steiner (r.), © VG Bild-Kunst
Bereits zum dritten Mal widmet das Kunstmuseum Solothurn Ingeborg Lüscher (*1936) eine Einzelausstellung. Einer Retrospektive gleich zeigen die sieben Räume des Museums die multimediale und heterogene Vielseitigkeit von Lüschers Oeuvre seit den 1970er Jahren bis in die Gegenwart. Dass die in Tegna im Tessin lebende, international renommierte Künstlerin immer noch neue Ansätze verfolgt, bezeugen ihre jüngsten Arbeiten, die gemäss Konservator Christoph Vögele Anlass zur Ausstellung gegeben hätten. Statt zu einer chronologischen Werkschau gebündelt, werden neuere Arbeiten mit solchen aus der früheren Schaffensperiode unter dem Titel „Das Licht – und die Dunkelheit knapp unter den Füssen“ kombiniert.

Den Auftakt bildet gleich die älteste der ausgestellten Arbeiten – die „Dokumentation über A.S.“ –, die Lüscher auf der documenta 5 in Kassel gezeigt hatte, deren Leitung ihrem verstorbenen Mann Harald Szeemann (1933-2005) oblag. Die Arbeit entstand infolge von über zwei Jahre andauernden wöchentlichen Begegnungen der Künstlerin mit dem in den Wäldern des Onsernonetals lebenden Einsiedlers Armand Schulthess. Dieser betrieb das bizarre Projekt, eine Enzyklopädie im Wald zu erstellen, für welche er Blechtäfelchen mit Wissensbrocken beschrieb, die er an Bäume oder Latten nagelte. Die berührende Arbeit Lüschers setzt sich aus Relikten – den über Jahre Wind und Wetter ausgesetzten, inzwischen rostigen Informationstafeln – aus dem Refugium des Sonderlings zusammen. Ergänzt wird die Dokumentation mit fotografischen Bildtafeln und Texten der Künstlerin, in welchen sie von den ungewöhnlichen Begegnungen und Gesprächen mit dem exzentrischen Einsiedler erzählt.

Von der gattungsübergreifenden Versiertheit Lüschers in der bildenden Kunst legen die in Solothurn ausgestellten Arbeiten beredtes Zeugnis ab: Neben mehrteiligen Fotoserien wie „Voglio vedere le mie montagne“ oder „300 Millionen Jahre“ ist eine Auswahl aus der Serie der in den 1980er-Jahren entstandenen reliefartigen „Menschenbilder“ zu sehen. Die Titel der Arbeiten – Vornamen von Menschen – legen nahe, dass es sich um grossformatige Portraits handelt, obwohl sich die figurativen Qualitäten der vermeintlich informellen Strukturen und diffusen Farbflächen erst durch näheres Hinsehen in Form von menschlichen Konturen konkretisieren. Lüscher bedient sich aber auch des Mediums der Bildhauerei – in der Ausstellung vertreten durch die Doppel-Skulpturen „ohne Titel“. Mit dieser Arbeit wird die leitmotivische Dialektik von Hell und Dunkel durch das pudrig-lichte Gelb eines Rechtkants aus Schwefel potenziert, das mit einem Exponat aus glänzend-sattem Schwarz in Beziehung steht. Die Auseinandersetzung Lüschers im Bereich des Films bekundet die stumme Videoinstallation „Die andere Seite“, welche den Opfern des israelisch-palästinensischen Konflikts gewidmet ist. Den Höhepunkt und zugleich den Abschluss der Ausstellung bildet das Interieur mit den Innenmassen 3,5m x 4m x 4m, dem die Künstlerin den Namen „Bernsteinzimmer“ verliehen hat. Schon vor dem Eintreten der kubischen Installation im letzten Ausstellungsraum leuchtet die türlose Öffnung des Zimmers in einem sinnlich-warmen Orangeton in den abgedunkelten Saal. Das Interieur wird aus 9000 an den Wänden applizierten Seifenstücken eingekleidet, deren diaphane Qualität das Innere des Raumes bernsteinfarben ausleuchtet.

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Ingeborg Lüscher, DAS Bernsteinzimmer, 2003, Installation, Foto: Rudolf Steiner (r.), © VG Bild-Kunst
Obwohl die Ausstellung in Solothurn nicht als Retrospektive geplant ist, decken die gezeigten Arbeiten ein breites Spektrum von Lüschers langjährigem Schaffen ab und werden so der Vielfalt der Ansätze gerecht, in welchen sich die bald 80-jährige Künstlerin erprobt hat.      

 

Ingeborg Lüscher, Das Licht – und die Dunkelheit knapp unter den Füssen.
Kunstmuseum Solothurn
Werkhofstr. 30, Solothurn.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr
Bis 24. Juli 2016.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2016, Deutsch/Englisch, 232 S., 38 Euro | ca. 46.90 Franken.

 




Kunstmuseum Solothurn