11/04/12

Grauzone der Identität

Die Gruppenausstellung "Ich ist ein anderer" geht im Kunstverein Freiburg Künstlerfiktionen nach.

von Stefanie Schweizer
Thumbnail

Die Gruppenausstellung "Ich ist ein anderer" geht im Kunstverein Freiburg Künstlerfiktionen nach. 7615seers.jpg

Martin Kippenberger, polarisierender Exzentriker und Künstlerstar (1953-1997) fällt in der Freiburger Gruppenschau „Ich ist ein anderer“ eine besondere Bedeutung zu. Seine Arbeit ist, laut Kunstvereinsleiterin Caroline Käding, das Rückgrat der Ausstellung. Sein Werk aus der Serie „Lieber Maler, male mir“ spielt so radikal wie kein anderes mit den Fiktionen des Autobiografischen. In den frühen Achtzigern schöpfte Kippenberger das Thema voll aus: Er engagierte Plakatmaler und nahm sich selbst als ausführenden Künstler zurück.

Der französische Dichter Arthur Rimbaud inspirierte die derzeitige Ausstellung im Freiburger Kunstverein zu ihrem Titel „Ich ist ein anderer“. Auch sein Ausspruch „Es ist falsch, zu sagen: Ich denke. Es müsste heißen: Man denkt mich“, ebenso grammatikalisch persifliert wie sein berühmtes „je es un autre“, würde sich in die Thematik der Werkschau einreihen. Die Werke der sieben Künstler hinterfragen das eigene Selbst, lassen einen Zwiespalt zwischen persönlicher Identifikation und dem Kunstmarkt erkennen und gehen mitunter auf Distanz zum Ich. Bekannte Künstler wie Martin Kippenberger und Stephen Shore stehen im Gegensatz zu jüngeren Künstlern wie Lindsay Seers, Susanne M. Winterling, Becky Beasley, Laura Horelli und David Meskhi. Auch Stephen Shore hält sich zurück und kommt ganz ohne Inszenierung aus. Mit den gestochen scharfen Farbfotografien aus der Serie „Uncommon Places“ ermöglicht er einen scheinbar unverfälschten Blick in das Amerika der Siebziger. Stimmungsvolle, meist menschenleere Aufnahmen dokumentieren den Alltag auf eine unaufdringliche Art und lassen die Betrachter zu Reisenden werden. Die einzige Brücke, die die Ausstellung zu seiner Persönlichkeit schlägt, sind Rechnungen, Postkarten und Notizen aus seinen „Road Trip Journals“. Auch die Arbeit des Georgiers David Meskhi unterstreicht die schwierige Trennung von künstlerischer Objekt- und Subjektivität. Lebensnahe Fotografien von jungen Skatern stehen im Gegensatz zu nüchternen schwarz-Weiß-Abzügen von Sportathleten. Dabei stellt sich die Frage, ob Meskhi selbst Teil einer dieser Szenen ist und inwieweit persönliche Nähe zum Gelingen des Werkes beigetragen hat. Der Künstler gibt jedoch keine Antwort, er lässt sich und seine Kunst auf keinen Nenner bringen, verwischt die Grenzen und macht seine Autorschaft ungreifbar. Seine Kunst ist jung, engagiert und vielfältig, was sich auch in der installativen Präsentation seiner Fotografien in verschiedenen Formaten und Rahmungen widerspiegelt.

Überhaupt sticht in der Ausstellung der künstlerische Einsatz unterschiedlichster Medien hervor. Susanne M. Winterling verwirrt den Betrachter mit ihrer aggressiv anmutenden Videoinstallation "Untitled (the artist as Torquato Tasso)". Ihr Stummfilm dreht sich um schizophrene Identitätsfragen und auch bei ihr konstituiert sich ein Perspektivwechsel. Die Finnin Laura Horelli nützt ebenso bewegte Bilder und setzt sich in zwei Videoinstallationen mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinander. Sie unterstreicht dabei die Grauzone zwischen künstlerischer Identität und persönlicher Vergangenheit. Für die Öffentlichkeit wählt auch sie Mittel der Distanz und damit eine Nähe zur Fiktion. Als raumgreifende Installation ragt Lindsay Seers‘ Wellblechhütte „Monocular ²“ im Kunstverein in die Höhe. Der fensterlose Bau wird zur Metapher für den menschlichen Körper und seine Haut und ermöglicht den Besuchern ein symbolisches Eindringen in die Welt der Künstlerin. Es ist ein bedrückendes Spiel mit Räumlichkeit und Identität, die Schutz und Gefängnis zugleich sein kann. Becky Beasley hingegen involviert den eigenen Vater in ihr Werk „Brocken“ – einer minimalistischen Holzinstallation, welche dem Betrachter viel Interpretationsspielraum zwischen Autobiografie und Kunstgeschichte lässt. Beasley unterstreicht die Tendenz, die sich in der Gruppenausstellung abzeichnet: die junge Generation probiert sich aus, sie lässt sich in ihrer Künstleridentität nicht festlegen. Sie bewegt sich frei und flexibel im Hinblick auf ihre eigene Autorschaft. Zusammen mit den Positionen der provozierenden Altmeister bietet diese Schau eine schöne Mischung möglicher Perspektiven auf das Selbst.

Ich ist ein anderer
Kunstverein Freiburg
Dreisamstr. 21, Freiburg.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 12.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 6. Mai 2012.
Kunstverein Freiburg