12/06/16

STELLA

Marken, Schein, DIY: Die Trägerin des Helvetia-Kunstpreises 2016 agiert gekonnt auf der Schwelle von Künstlerin und Kunstfigur

von Etienne Wismer
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STELLA, Sportsdirect-Kleid, 2015, STELLA seen by Jack Pryde, courtesy the artist
Naomi Kleins Bestseller „No Logo“ wurde als Manifest der globalisierungskritischen Widerstandsbewegungen der Jahrtausendwende betitelt. Die kanadische Journalistin legte darin die verheerenden sozialen und ökologischen Folgen des Markenfetischismus der westlichen Hemisphäre für die Erde als Ganzes dar und politisierte damals besonders die junge Generation. Die Zürcher Künstlerin STELLA, Gewinnerin des Helvetia-Kunstpreis 2016, war zum Erscheinungszeitpunkt dieses Buches zehn Jahre alt. Heute, 16 Jahre später, und mit einem Diplom der Bildenden Kunst der Zürcher Hochschule der Küns­te (ZHdK) in der Tasche, posiert sie im Pepsi-Cola-Kimono und im Sportsdirect-Kleidchen vor der Kamera. Und wo sie auch aufkreuzt, ob inszeniert auf Bildern oder performativ an einer Vernissage, prangert irgendwo in geschwungener Schrift ihr Name, ihre Eigenmarke: STELLA. Die Frage sei erlaubt: Ist der globalisierungskritische Impetus heute tatsächlich in dem Masse verloren gegangen, dass auch der Kunstbetrieb sich der unerbittlichen Logo-Mania hingegeben hat?

Mit STELLA hat sich die gelernte Grafikerin Stella Giger (*1990) eine Figur geschaffen, die zugleich Kunstperson und Kunstgegenstand verkörpert und bei der die Symbolik des Massenkonsums bedingungslos ins Werk mit einfliesst. Doch eine Fetischistin der einschlägigen Logos ist STELLA kaum, im Gegenteil. Ihre Art-à-porter-Mode besteht aus eigens dafür entworfenen Rapporten und Schnittmustern oder vorgefundenen Plastiksäckchen, deren Schriftzüge prominent inszeniert werden. Die selbstgefertigte Chanel-Häkel­tasche „No Money – No Original“ (2015) erscheint eher als zu grosser Topflappen, denn als Luxusgut. Der anachronistische DIY-Look steht dabei im scharfen Kontrast zu der im Markenbereich üblichen Nachahmung oder gar Fälschung von Produkten. Diese Tasche ist kein originales Markenaccessoire, wie Klein es beschrieb. Vielmehr kann sie als subversive Parodie gelesen werden, mit deren Hilfe die Künstlerin auf die omnipräsente und unersetzbare Aura des originalen Markenprodukts verweist. In der Präsentation ihrer Modeartikel, die das Modell STELLA in Katalogposen gleich selber vornimmt, weicht der kritische Ansatz wiederum einem affirmativen und es entsteht ein zitatreiches Spiel mit High- und Low-Kategorien.

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STELLA, American Dream, 2016, Installationsansicht, Kunstraum Walcheturm, Foto: Sarah Wiesendanger, courtesy the artist
Über den spielerischen Umgang mit Modedesign hinaus bildet das Textile einen wichtigen Bestandteil in STELLAs Werk. Anlässlich der Diplomausstellung ihres Jahrgangs an der ZHdK präsentierte sie mit „INSTELLATION“ (2015) ein monumentales, auf fünf Leinwänden umgesetztes Öl-Gemälde einer menschenleeren, aber mit den Emblemen gängiger Duftmarkenhersteller beseelten Duty-Free-Landschaft. Darin kontrastiert die Ikonographie des Exquisiten mit der gestischen und spontanen Umsetzung des Werks – bedingt durch den ungrundierten, stark saugenden Bildträger. Ein akkurateres Vorgehen verlangte die ebenfalls grossformatige Seidenmalerei, die STELLA für die prämierte Installation „American Dream“ (2016) schuf. Der zarte Seidenstoff ermöglichte den Ausblick auf Hollywood-Sign und Las Vegas-Schild. Aber auch der Blick durch den Stoff, auf den Raum dahinter, und damit hinter die Kulisse, war möglich. Ein spezifisch zu diesem Zweck entworfenes Lampenmobiliar ergänzte die Installation und verdeutlichte STELLAs medial weit gefassten Ansatz, der sich gleichermassen Strategien der listigen Dekonstruktion, des parodistischen Fakes und der collagehaften Appropriation bedient.

       

STELLA, Trägerin des Helvetia Kunstpreises 2016
Soloshow an der Liste – Art Fair Basel
Warteck PP, Burgweg 15, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 13.00 bis 21.00 Uhr, Sonntag 13.00 bis 18.00 Uhr.
Vernissage: 13. Juni 2016, 17.00 bis 21.00 Uhr.

 

 

 




Liste - Art Fair Basel
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