11/06/16

Tobias Spichtig

Hülle, Rahmen und Hintergrund als Bedingungen der Möglichkeit sozialen und künstlerischen Handelns

von Dietrich Roeschmann

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Tobias Spichtig, Die Matratzen, 2016, courtesy Galerie Jan Kaps, Köln
Ist man, was Gerüche angeht, nicht übermäßig idiosynkratisch veranlagt, kann das Tragen des Pullovers eines Freundes durchaus Nähe stiften – auch über weite Distanzen. Der Raum zwischen Haut und Stoff wird dann zur Intimzone einer Beziehung. Stammt der Pullover dagegen von einer fremden Person, übernimmt gerne mal Unbehagen die Regie. Intimität mit Unbekannten? Schwierig ... Tobias Spichtig (*1982) weiß das. Mit seinen aktuellen Arbeiten fordert der Zürcher Künstler diese Beklommenheit geradezu heraus. So zeigte er in Köln kürzlich bei Jan Kaps eine bodenfüllende Installation aus alten Matratzen, die er mit gebrauchten Bettlaken von Freunden bezogen hatte – inklusive Blut- und anderer Flecken. Als Besucher blieb einem nichts anders übrig, als diese extrem privat aufgeladene Peinture automatique zu betreten, um in die hinteren Räume zu gelangen, wo seltsam gespenstische Figuren herumlungerten, rotzig zusammengeschürt aus feucht schimmernden, mit High-Tech-Lack aus der Luftfahrtindustrie behandelten Hoodies, ebenfalls aus dem Fundus von Spichtigs Freundeskreis. Wie verwahrloste Giacometti-Zombies standen sie in den Ecken und repräsentierten in ihrer körperlosen Gestalt – ähnlich wie die fleckigen Matratzen – die unbehaglich intime Anwesenheit fremder Abwesender.

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Tobias Spichtig, Say again, where didst thou leave these varlets?, 2016, courtesy Galerie Jan Kaps, Köln
Hülle, Rahmen oder Hintergrund spielen in Spichtigs Arbeiten schon seit längerem eine wichtige Rolle. In früheren Ausstellungen hängte er großformatige, monochrome Leinwände, mit handelsüblicher Druckertinte gemalt, gezielt ins Off des Galerieraumes oder füllte den Raum mit dem Sound selbstkomponierter Funktionsmusik, deren schiere Lautstärke ihre programmatische Eigenschaftslosigkeit ad absurdum führte und so den Hintergrund als Bedingung der Möglichkeit künstlerischen, sozialen oder kommunikativen Handelns ins Zentrum rückte.        

Tobias Spichtig bei Galerie Bernhard, Zürich, Liste – Art Fair Basel, Warteck PP, Burgweg 15, Basel.