03/06/16

Die Ausstellung als Gedankenexperiment

„Reset Modernity!” fordert Bruno Latour derzeit im ZKM Karlsruhe. Grund genug für ein Gespräch mit dem französischen Anthropologen

von Daniel Fetzner/Martin Dornberg
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Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel, Leviathan, 2012, © Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel
Seit gut einem Dreiviertel Jahr feiert die Stadt Karlsruhe ihren 300. Geburtstag – und das ZKM feiert mit. Die „Globale” – das komplex ineinander verschachtelte Ausstellungsprojekt über kulturelle Effekte der Globalisierung, das eigens zu diesem Anlass von ZKM-Chef Peter Weibel konzipiert wurde – neigt sich nun langsam ihrem Ende entgegen. Mit der Ausstellung „Reset Modernity!”, kuratiert von dem französischen Soziologen und Anthropologen Bruno Latour, Autor des Theaterstücks „Gaia”, hat soeben die große Abschluss-Schau der „Globale” eröffnet. Latours These: das Projekt der Moderne ist gescheitert – zuviele Bugs im System. Im Einsatz für Fortschritt, Freiheit und Gleichheit hat sie die Existenzgrundlagen der Menschheit und ihrer Umwelt so nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen, dass sich Wissenschaftler um 2000 genötigt sahen, ein neues Zeitalter auszurufen: Das Anthropozän – mit dem Menschen im Zentrum als einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde. „Gedankenausstellung” hat Bruno Latour seine Inszenierung der abgestürzten Moderne vor dem von ihm dringend empfohlenen Neustart im Untertitel genannt. Was es damit auf sich hat, erzählte der 68-Jährige unseren Gastautoren Daniel Fetzner und Martin Domberg, die 2008 die Gruppe „mbody” zur künstlerischen Forschung in Medien, Somatik, Tanz und Philosophie gründeten. Auch über ihre eigenen Projekte sprachen die beiden mit Latour.

 

Artline: Wie übertragen Sie Ihre Gedanken in eine Ausstellung? Was interessiert Sie daran, ihnen eine gestaltete materielle und räumliche Form zu geben, die Betrachtern oder Teilnehmern in einer Ausstellung erfahrbar wird?

Bruno Latour: Schreiben hat für mich die Bedeutung, etwas zu verzeitlichen, zu verräumlichen oder zu dramatisieren. Ich wechsle einfach das Medium, wenn ich ein Theaterstück schreibe, helfe, eine Diskussion anzuregen – wie letztes Jahr zum Klimagipfel – oder eine Ausstellung gestalte. Die Besonderheit jedes Mediums ermöglicht es, etwas zu akzentuieren oder zu verstärken. Wissenschaftler oder Zeichner können die Debatte, wie wir mit der Welt umgehen, auf eine Weise gestalten, wie es andere Medien nicht können.

Eine Ausstellung ist ein sehr machtvolles Instrument, aber sie hat ihre Grenzen. Wenn man, wie ich, in einem Stil schreibt, der Philosophisches und Anthropologisches miteinander verbindet, ist auch vieles unmöglich. In den vergangenen zehn Jahren habe ich festgestellt, dass jedes Medium das andere verstärkt. Die Auseinandersetzung mit „Gaia” etwa begann mit einem Tänzer. Anfangs, lange bevor es eine Debatte war, war es eine Bewegung. Daher übertrage ich nicht, ich bilde Schichten.

 

Artline: Eine Schicht verstärkt die andere?

Latour: Das hängt von vielem ab, manchmal findet eine solche Verstärkung nicht statt. Unterwegs kann auch etwas verlorengehen. In der ersten Ausstellung, die ich für das ZKM kuratierte – „Iconoclash“ von 2002 – musste ich feststellen, dass eine Übertragung nicht in Frage kam, da unsere intellektuellen oder akademischen Argumente in der Ausstellung nicht funktionierten. In einem solchen Fall ist es nötig, umzuschalten und etwas ganz anderes zu versuchen. So findet man heraus, was das Spezifische an einem Medium ist. Die Choreografie einer Ausstellung ist so etwas Spezifisches: Wenn sich Menschen bewegen, bilden sie eine Art Architektur. Sie sind es, die eine Ausstellung lebendig machen, indem sie sich einer Termite gleich durch sie hindurch bewegen, jeder aus seiner eigenen Perspektive.

Das hat die Erfahrung einer Ausstellung mit dem Lesen gemein. Beim Lesen folgt man einer Argumentation ja auch Schritt für Schritt. Das Komplizierte an dieser Ausstellung ist dieses schrittweise Verfahren. Wir nehmen Gegenstand und Methode einer „Gedankenausstellung“, wie wir sie mit Peter Weibel entwickelt haben, ernst und versuchen Verfahren einzuflechten, die unmittelbar in der Ausstellung selbst erörtert werden. Wir werden testen, ob das funktioniert oder nicht – keine Ahnung! Ausstellungsmacher und Künstler wissen, wie schwierig das ist. Verfahren – das ist ja eine Metapher aus der Technik – steht für einen RESET. Wir möchten Verfahren auslösen, die zu einem RESET führen.

 

Artline: Sie haben einen Unterschied zwischen Debatte und Ausstellung aufgezeigt. Wenn man Ihre Bücher liest, findet man die Metapher des Fußgängers. Das ist eine Metapher für das Denken und Schreiben. Ist der Abstand zwischen Argument, Übertragung und Teilnahme denn so groß?

Latour: Der interessante Unterschied besteht zwischen Abstraktion und Theorie. Was die meisten Menschen als Theorie verstehen, ist tatsächlich Abstraktion – das ist etwas anderes. Wenn wir also vom Unterschied zwischen Abstraktion und Ausstellung reden, ist dieser riesig, doch der Unterschied zwischen Theorie oder Spekulation und Ausstellung sollte gering bleiben. Das Medium ist anders, sicher, aber das Bild eines Spaziergängers, der Schritt für Schritt etwas erkundet, ist in der Ausstellung tatsächlich sehr explizit und verständlich.

 

Artline: Man kann „Reset Modernity“ als politische Ausstellung sehen. Es geht um die großen Fragen von „Gaia”. Dadurch hat es eine didaktische Komponente – Sie haben eine Botschaft, die Sie mitteilen wollen. Andererseits ist es eine Kunstausstellung. Wie bringt man diese Aspekte ins Gleichgewicht?

Latour: Indem die Ausstellung ein RESET vorschlägt, ist sie dogmatisch. Wenn Ihr Computer abstürzt, müssen Sie ebenfalls einen Neustart vornehmen. Wir sind zunächst von der Idee ausgegangen, eine Ausstellung über mein Buch „Modes of Existence“ (Bruno Latour, 2013) zu machen, aber das wäre eine völlig absurde Materialisierung eines abstrakten Gedankens geworden. Wir haben das dann sofort verworfen und von vorne angefangen.

Wir bieten eine Erfahrung an. Wenn man das macht, muss man so offen und undogmatisch wie möglich sein. Man muss gegen den Strich denken, ein leeres Blatt Papier zur Hand nehmen und sich da hineindenken. Es ist eine Fiktion ohne jegliche Bewegungsfreiheit. Niemand kann sich einen Reset der Moderne vorstellen. Als Realität ist es vollkommen absurd, aber als Gedankenexperiment hat es durchaus große Bedeutung.

 

Artline: Wo funktioniert dieses Experiment am besten?

Latour: Das funktioniert vor allem dort sehr gut, wo sich die Ausstellung als am wenigsten vorhersehbar erweist und zugleich als Kunstform die größte Wirkkraft entfaltet. Unsere erste Idee für die Ausstellung war übrigens ganz anders, ziemlich naiv. Wir wollten den Besuchern das Gefühl geben, sie befanden sich nicht „über“, sondern „unter“ etwas, aber wären im Begriff auf der Erde zu landen. Alles andere als ein spekulatives Argument über den Globus – Globus und Erde wären hier vollkommen verschiedene Dinge. Das sind Elemente, die man in einer Ausstellung verwirklichen kann aufgrund ihrer räumlichen und gestalterischen Umsetzung. Ich finde das sehr eindrucksvoll, ähnlich wie die Serie, die Jean-Michel Frodon über Religion und politische Versammlungen geschaffen hat. Es gibt kein anderes Medium, in dem man das machen kann, weil man selbst mitten im Film steckt und dieser sehr eindrückliche Stoff zum Nachdenken anregt. Das Kippen einer riesigen Fotografie um 15°, wie es John Palmesino und Ann-Sofi Rönnskog, die Mitbegründer von Territorial Agency, gemacht haben, geht nur in einer Ausstellung. Es ist eine sehr profunde formale Idee und funktioniert wunderbar.

 

Artline: In unserem neuen Projekt Wasteland arbeiten wir mit 3D und Panoramaformaten, um die distanzierte Perspektive des Betrachters zu hinterfragen. Was halten Sie davon?

Latour: Was das Panoramatische angeht, bin ich mir da nicht sicher, weil wir Gaia nicht als Ganzes verstehen. Und das sollten wir auch nicht, da es kein Globus ist. Gaia muss ihre eigene Ästhetik finden. Aber für Künstler ist es sehr wichtig, sich damit zu befassen. Deshalb haben wir Dürer, Jeff Wall und den Leviathan einbezogen. Angenommen, wir sehen Gaia von einer Innenperspektive und nicht von außen, wie würde sie aussehen? Daher müssen wir neue Regime des Sehens erfinden – um diese etwas pedantische Wendung zu gebrauchen -, aber das ist ein interessantes Unterfangen.

Wenn ich an Ihr Projekt denke, das 3D und 360°-Formate einbezieht, glaube ich nicht, dass ein formaler Trick in sich selbst effizient ist, sondern nur wenn er verbunden und eingebunden ist. In der Ausstellung stellen wir Charles und Ray Eames' Film „Powers of Ten“ seinem Ausgangspunkt gegenüber – einer Zeichnung, die ganz anders ist. Im Film der Eames ist etwas verloren gegangen, nämlich die Diskontinuität. Es gibt ein sehr starkes Beispiel für diese Diskontinuität im Comic (Kees Boeke, Cosmic view: The Universe and 40 Jumps, 1957). Keine Technik kann das Ganze sein. Sie funktioniert nur in einem Zusammenhang, so wie Sie es auch in ihren Projekten versuchen.

 

Artline: Kann man sagen, dass die Fragen der Sexualität, Liebe und Beziehung in „Reset Modernity!” fehlen?

Latour: Ja, das stimmt. Vielleicht liegt es daran, dass sie von Männern konzipiert wurde (lacht). Wir mussten einiges außen vor lassen. Doch wenn man im Bild der Familie bleibt, ist der RESET-Prozess ein bisschen so, als sei man ein Großvater und würde in seinem Verhältnis zur Welt resettet, indem man von den Enkeln lernt und dabei wirklich zum Großvater wird.

 

Artline: Wenn es in Ihrer Ausstellung so etwas wie einen Leitgedanken gibt, könnten Sie ihn benennen?

Latour: Wir haben uns gefragt, ob man das Setting der Ausstellung wirklich benutzen kann, um das Experiment der „Gedankenausstellung“ mit den Besuchern zu teilen. Normalerweise erfährt man ja nichts über die Reaktionen der Besucher – vielleicht einmal ein paar Sätze in einem „Goldenen Buch“ am Ende der Ausstellung, in dem sie vermerken, ob ihnen die Ausstellung gefallen hat oder nicht. Wir wollten wirklich etwas über die Reaktionen der Besucher erfahren und was sie in ihnen ausgelöst hat. Und da ist noch eine andere Leitfrage: das Dreiecksverhältnis zwischen Land, Globus und Erde. Wir wissen ja praktisch nichts über die Form der Erde. Das ist auch eine politische Frage!

 

Artline: Sie haben viel über Labore und das Leben in Laboren geforscht. Wie sähe das ideale Labor des 21. Jahrhunderts aus?

Latour: Einige Aspekte des ZKM würden da ihren Platz finden, es sollte eine Mischung aus unterschiedlichen Fächern, Methoden und Ausstellungen sein, kombiniert mit moderner Kunst, Medientechnologie, Naturwissenschaften und so weiter. Aber was bedeutet Naturwissenschaft, wenn man an „Gaia” denkt? „Gaia” ist sehr spezifisch! Das passiert gegenwärtig schon in den Bereichen der Klimawissenschaft und -politik. Es braucht einen neuen Humboldtschen Ansatz. Es braucht neue Fachgebiete, die vernetzt sind und man muss in Wissensbereichen, die sich überschneiden, anders forschen. Mapping ist sehr wichtig.

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Pierre Huyghe, Nymphéas Transplant (14-18), 2014, © Foto: Ola Rindal, courtesy of the artist, Esther Schipper, Berlin, Hauser and Wirth, London, Marian Goodman Gallery, New York, © VG Bild-Kunst Bonn 2016
Artline:
In unseren eigenen Projekten haben wir oft mit Tieren zu tun – Kleintieren, Bakterien und Parasiten. In „Reset Modernity!” gibt es nur ein einziges Kunstwerk, das sich direkt mit Tieren befasst, nämlich Pierre Huyghes „Nymphéas Transplant”. Denken Sie, als Sohn eines Winzers, dass Landwirtschaft, Pflanzen und Tiere für unsere heutige Gesellschaft von spezifischem Interesse sind?

Latour: Schauen Sie sich in unserer Ausstellung die Arbeit „Shaping Sharing Agriculture“ (2014-2016) von Sylvain Gouraud an. Wenn Sie den Boden untersuchen, wird Landwirtschaft zu einer wirklich wichtigen Angelegenheit: das Erdreich, die Tiere im Boden, ich sehe da durchaus Bezüge zu Ihrem aktuellen Projekt. Die „symbiogenesis perspective“ (Lynn Margulis) ist sehr wichtig. Es fehlt einfach etwas in der „deanimierten“ Mainstream-Wissenschaft und ihrer Sicht auf die Welt. Es besteht eine Übereinstimmung zwischen dem Wissen über Lebenszyklen von Tieren und der Landwirtschaft und den Klimawissenschaften. Nicht ohne Grund sind die Gemeinschaft und das Teilen wieder so wichtig geworden.

 

Artline: Gehen die von Timothy Morton beschriebenen „Hyperobjects“ auch in diese Richtung?

Latour: Ja, das ist einer der zahlreichen aktuellen Versuche der „Domestizierung des Biestes“, aber das ist eine andere – vielleicht irreführende – Metapher. Wir müssen uns mit allerhand Formen und Tricks behelfen, um die Welt zu verstehen. So lernen wir, woraus sie besteht. Wir versuchen als Menschen menschlich zu überleben. Aber jetzt haben wir den Punkt erreicht, an dem wir unsere Werkzeuge resetten müssen.                

Übersetzung: Giorgio Mauro

 

 

Reset Modernity!
ZKM – Zentrum für Kunst und MedientechnologieLorenzstr. 19, Karlsruhe.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr. Bis 21. August 2016.

Zur Ausstellung erscheint Mitte Juni eine umfangreiche Publikation: Reset Modernity!, hrsg. v. Bruno Latour, MIT Press, Cambridge / Mass. 2016, 432 S., 39,95 Euro | ca. 59.90 Franken.

Weitere Informationen zu Daniel Fetzner und Martin Dornberg sowie zu aktuellen Projekten der künstlerischen Forschungsgruppe mbody finden Sie unter Metaspace und Mbodyresearch

48 h Wasteland
Kommunales Kino
Urachstr. 40, Freiburg.
9. bis 11. Juni 216.

 

 




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