01/06/16

Politik mit dem Hula-Hoop-Reifen

Die Ursula Blickle Stiftung zeigt, wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man tanzen

von Seraphine Meya

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Anetta Mona Chişa & Lucia Tkáčová, Manifest of Futurist Woman (Let’s Conclude), 2008, Installationsansicht Ursula Blickle Stiftung, 2016, Foto: Peter Loewy, Ursula Blickle Video Archiv
„TANZ ES!“, die dritte Ausstellung zum 25-jährigen Jubiläum der Ursula Blickle Stiftung im Kraichtal fordert den Besucher nicht nur im Titel zum Tanz auf. Gleich im ersten Raum lädt Annja Krautgasser mit „Remake: Le Madison“ dazu ein, die Choreografie des Madison zu lernen. Die Künstlerin lässt per Zeitungsannonce gecastete Tänzerinnen und Tänzer durch einen Lehrer unterrichten. Der weiß gekachelte „Tanzraum“ stellt eine seltsam anmutende, kühle Rahmung dar, klare Linien liegen wie ein Raster um die Tanzenden. Dem Schritt des amerikanischen Modetanzes aus den 1960ern auf den drei Leinwänden zu folgen, ist herausfordernd. Doch man kann sich dabei ein wenig wie in Jean-Luc Godards Film „Die Außenseiterbande“ fühlen, in dem der Madison lässig in einer Bar getanzt wird.

Im angrenzenden Raum beginnt bei Betreten das melodische Rattern eines 16-mm Projektors. Nathalie Kogers Film zeigt eine Hula-Hoop-Tänzerin im lichtdurchfluteten Wiener Atelier von Gustinus Ambrosi. Der Künstler gelangte in den politischen Wirren des 20. Jahrhundert zu einem umstrittenen Status. Die Tänzerin bewegt sich leichtfüßig durch die Räume, wirft den Statuen ihren Hula-Hoop Reifen zu und tanzt all den historischen Staub „von tausend Jahren“ in die Vergangenheit. Der Film jedoch entstand erst 2011, seine Machart manövriert geschickt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Aktualität des Films ist ungebrochen, denn auch heute ist Tanz eine Möglichkeit, den politischen Verirrungen unserer Zeit entgegen zu treten.

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Annja Krautgasser, Remake: Le Madison, 2008/11, Installationsansichten Ursula Blickle Stiftung, 2016, Foto: Peter Loewy, Courtesy Ursula Blickle Video Archiv
Der Film ist gleich noch einmal zu sehen, das zweite Mal im Eingangsbereich der Ausstellung auf einem Kastenfernseher über zwei Filmen von Theo Altenberg und Renate Kowanz-Kocer. Hier wird seine politische Dimension auch in einem zeitlichen Kontext deutlich - wie politisch ist Musik- und Popkultur? In Altenbergs „Street Parade“ lacht das ekstatische Gesicht einer jungen Frau zu harten Techno Beats der 1990er Jahre. Damals war beispielsweise die Loveparade ob ihrer queeren Forderungen hochpolitisch und revolutionär, heute ist sie in den konsumistischen Mainstream übergegangen. Auf dem untersten Monitor zertritt Renate Kowanz-Kocer schwarze Beeren im Rhythmus von 80er Jahre Sounds. Auch hier wird die Mode und gesellschaftliche Haltung einer Zeit in einem kleinen Ausschnitt deutlich. Einem weiteren Hula-Hoop-Tänzer begegnet man im Treppenhaus auf einem Monitor. Dieser Film von Ulrike Lienbacher bildet im ersten Stock der Ausstellung den Anfang einer Reihe von mehrdeutigen, gesellschaftskritischen Arbeiten: „Natural Woman“ von Rachelle Beaudoin zeigt die Künstlerin in Unterwäsche an einem schmächtigen Baumstamm im Wald tanzend. Ihre ungelenken Bewegungen und die Natur bilden einen Kontrast zu der unweigerlichen Assoziation der Pole-Dance Bar, in der perfekte Körper auf das männliche Begehren zugeschnittene perfekte Bewegungen performen. Im Dachgeschoss wird diese Darstellung des Körpers als von gesellschaftlichen Zwängen geformtes Objekt zugespitzt. Die zerschundenen Füße einer Ballerina erheben sich immer wieder auf die Spitze. Im letzten Raum wird diese Anpassung zu Widerstand. Anetta Mona Chişa und Lucia Tkáčová lassen eine Gruppe von Majoretten das „Manifesto della donna futurista“ von 1912 mit einer alten Signalsprache der Marine aufführen. Im Hintergrund bildet monumentale sowjetische Architektur den Kontrast zu den adretten Frauen in Uniform, die rhythmisch die Buchstaben des feministischen Manifestes marschieren. Wenn Sprache politisch nicht erwünscht ist, bilden der Tanz und die widerständigen Körper eine Möglichkeit, sich frei auszudrücken. Tanz kann zwischenmenschliche Kommunikation und Versicherung des Selbst sein. Zwischen Selbstdisziplinierung und vollständiger Freiheit durch die Bewegung eröffnet sich ein interessantes Spektrum von gesellschaftlichen und persönlichen Handlungs- und Ausdrucksmöglichkeiten.

Tanz es!
Ursula Blickle Stiftung
Mühlweg 18, Kraichtal-Unteröwisheim.
Öffnungszeiten: Mittwoch 14.00 bis 17.00 Uhr, Sonntag 14.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 26. Juni 2016.




Ursula Blickle Stiftung