27/05/16

Tanz das Klischee

Mit seiner Ausstellung „Black Archive“ im Kunsthaus Bregenz regt Theaster Gates das Publikum an, über Rassismus nachzudenken

von Christian Gampert

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Theaster Gates, Black Archive, 2016, Ausstellungsansicht Kunsthaus Bregenz, Foto: Markus Tretter © Theaster Gates/Kunsthaus Bregenz
Die zentrale Installation in der Ausstellung des Chicagoer Künstlers Theaster Gates (*1973) versetzt Zuschauer mit weißer Hautfarbe in nicht geringe Verlegenheit: Wir treten auf eine wippenartige Konstruktion und bringen damit eine vier Meter hohe Puppe zum Tanzen; sie vollführt lächerliche Bewegungen, ihre Glieder baumeln herum, neckisch nickt sie mit dem großen Kopf. Die bewegliche Skulptur „Dancing Minstrel” hat das Gesicht eines Schwarzen. Wir, die Weißen, lassen die Black People tanzen. Um es noch komplizierter zu machen: in den amerikanischen Minstrel-Shows traten zumeist Weiße auf, die sich schwarz geschminkt hatten und vermeintlich typische Verhaltensweisen fröhlicher Sklaven karikierten. Aber auch „echte“ Schwarze machten bei diesen entwürdigenden Shows mit.

Vorbild für Theaster Gates‘ Riesen-Tänzer ist eine reale, 30 Zentimeter hohe Puppe, die der Künstler zusammen mit vielen anderen Sammlerstücken – „Negrobilia“ – gekauft hat. Gates sammelt Werke, in denen Schwarze dargestellt sind, meist in verharmlosender oder aber verletzender Absicht, mit angeblich typischen Merkmalen wie wulstigen Lippen, krausem Haar, dickem Po. Die kleine Puppe ist weißer Rassismus in Form von Verniedlichung der Ausgegrenzten. Theaster Gates konterkariert diese Strategie, indem er die possierliche Figur ins Riesenhafte aufbläst. Da steht sie nun, das Klischee eines Schwarzen in den Augen der Weißen, aber bedrohlich wie ein Gott, der uns strafen wird.

Theaster Gates’ Kunst ist tief verwurzelt in seiner Herkunft und der afroamerikanischen Kultur. Sein Vater war Dachdecker; in diesem Beruf wird mit schwarzer Teerpappe gearbeitet. Teer riecht – im Erdgeschoß des Bregenzer Kunsthauses ist eine ganze Batterie von solchen Pappen installiert. Daneben tanzt, in einem von Gates bearbeiteten Film von 1935, der weiße Kinderstar Shirley Temple mit dem afroamerikanischen Schauspieler Bojangles Robinson; drum herum stehen billige schwarzafrikanische Masken, wie sie kunstsammelnde Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg gern erwarben. „Black Archive“ heißt die Ausstellung – das bedeutendste Archiv für Gates ist seine Sammlung – aber auch sein Körper. Die Körpererfahrungen spiegeln sich in seiner Kunst, seine Arbeiten sind geprägt von Arbeit und Maloche. Sie sind Sprachrohr der kleinen Leute.

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Theaster Gates, Black Archive, 2016, Ausstellungsansicht Kunsthaus Bregenz, Foto: Markus Tretter © Theaster Gates/Kunsthaus Bregenz
Fast alle Exponate der Ausstellung wurden vor Ort gefertigt: die große Minstrel-Puppe und der monströs aufgeblasene, mit Teer übergossene Kopf einer schwarzen Babypuppe; die Bücherwände, in denen gebundene Jahrgänge einer amerikanischen Zeitschrift für Schwarze stehen und die abstrakten Werke aus dunklen Dachpappen auf großen, meist rechteckigen Holzflächen. Aus den Ritzen, wo die Pappen abschließen und überlappen, quillt der ausgehärtete Teer, der von Gates zuvor mit einem Brenner erhitzt wurde. Man sieht die Schmauchspuren, den Dreck, die handwerkliche Arbeit. Natürlich fallen uns sofort kunst- und geistesgeschichtliche Bezüge ein. Bei Gates‘ Puppe denken wir an Kleists Marionettentheater, die quadratischen Installationen, die gebundene Bücher als Farbträger nutzen, erinnern an Josef Albers‘ serielle Farbübungen von „Hommage to the Square“ und die rauen, kratzigen, düsteren Bilder mit dem herausquellenden Teer lassen an abstrakte Malerei denken, vor allem an die monochromen Variationen Mark Rothko. Dennoch gilt es, all dies zu vergessen und sich der puren Gegenständlichkeit dieser Werke zu überlassen. Theaster Gates, der nebenbei auch Kurator und politischer Organisator ist, meint es ernst. Es geht um die Welt der Maloche und Schufterei, um Material wie Gummi, Teer, Sand, es geht um Klischees in den Köpfen und ihre Veränderbarkeit. Dass die Arbeiten nebenbei auch eine Aura haben, ist schön. Für den Künstler ist es nicht das Wichtigste.        

 

Theaster Gates: Black Archive.
Kunsthaus Bregenz
Karl-Tizian-Platz, Bregenz.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 21.00 Uhr
Bis 26. Juni 2016.
Zur Ausstellung erscheint eine Publikation: Theaster Gates, Black Archive, Kunsthaus Bregenz 2016, 328 S., 46 Euro | ca. 57 Franken.

 

 




Kunsthaus Bregenz