25/05/16

Das zweite Gesicht

Wie Musiker, Aktivisten und Filmemacher die Figur des Clowns für politische und künstlerische Interventionen nutzen

von Thomas Senne
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Jani Leinonen, Kidnapping Ronald, 2011, Videostill aus dem Erpresservideo der Food Liberation Army, © the artist
Sie sind weiß geschminkt, haben knallrote Nasen und Münder und lachen zum Überdruss lachen und lachen. Doch trotz all der lachenden Clowns, die den Ausstellungsbesucher in den poppig bemalten Kojen des Erlanger Kunstpalais in Installationen, Skulpturen, Filmen, Fotos oder auf Riesenpostern an den Wänden ins Auge springen ‒ so richtig zum Lachen ist einem hier nicht zumute. Im Gegenteil: Oft bleibt dem Besucher das Lachen im Halse stecken. Etwa wenn die französische Künstlerin Marion Auburtin (*1978) in ihren grellbunt-surrealen Ölzeichnungen Clownsmasken mit verzerrten Grimassen und riesigen Zähnen aufs Papier bringt. Ein unheimliches Grinsen ist da zu erleben. „Das Beunruhigende ist, dass man einfach nicht unter die Oberfläche schauen kann. Dieses Clowns-Make-up, das verzerrt natürlich extrem. Das ebnet das Gesicht total ein. Dieser rot geschminkte Mund macht einen zu einer völlig anderen Figur. Man kann einfach schwer unterscheiden: wer ist da jetzt darunter? Ist er jetzt wirklich fröhlich oder ist das nur vorgetäuscht? Das eigentliche Verstörende ist, dass man der Figur nicht wirklich nahe kommen und ihre ehrlichen Absichten überprüfen kann“, sagt die Leiterin des Kunstpalais Amely Deiss.

Auf Monitoren sind in der Schau auch Ausschnitte aus diversen Clownsstreifen zu sehen, beispielsweise aus dem verfilmten Roman „Es“ von Stephen King. Dort treibt der sadistische Clown Pennywise sein Unwesen. Brachial kommt Abner Preis (*1975) in seiner sarkastischen Arbeit „Always happy on the outside“ daher. In einer Art Gruselkabinett  hat der israelisch-niederländische Künstler Blut an den Wänden verspritzt. Am Boden sind Faserplatten mit stilisierten Baumstümpfen zu sehen, Blutlachen, eine Axt sowie Lederkleidung. Ein folkloristisches Outfit, das ein Arbeiter auch in der im Hintergrund flimmernden Projektion trägt.

Kuratorin Amely Deiss will die Clowns als eine Form von politischem und künstlerischem Aktivismus verstanden wissen: „Es geht um die Künstler, die sich selbst auch oft als Clown sehen in ihrer Mittlerfunktion ‒ einfach im Sinne von Lachen, die Wahrheit sagen. Es geht aber auch darum, was so eine Maske eigentlich mit einem macht, mit dem Gegenüber, aber auch mit demjenigen, der sie trägt“.

Die schräg inszenierte Ausstellung ist eine völlig neue Version der Schau, die vor zwei Jahren im Dortmunder Hartware Medienkunstverein zu sehen war; deshalb auch der Titel „Böse Clowns_reloaded“ ‒ konsumkritisch und ein makabres Beispiel für das neue Arrangement: Der geköpfte Werbeclown des Fastfood-Imperiums McDonald‘s nebst blitzeblank geputzter Guillotine des finnischen Künstlers Jani Leinonen (*1978). Während sich die Altmeisterin der Verkleidung, Cindy Sherman (*1954), auf einem Fotodruck inmitten einer gelb-lila wabernden Aura als albernen Clown, aber mit trauriger Mimik in Pose setzt und damit auch die Figur des Narren als Alter Ego von Künstlern beschwört, darf sich Joker, der abgrundtiefböse Gegenspieler der Comic-Figur Batman in Erlangen nun in einer eigenen Blackbox auf Filmen und Comic-Strips austoben.

Die Präsentation beeindruckt durch Vielseitigkeit, stellt Musiker wie die Düsseldorfer Avantgarde-Popband „Der Plan“ mit Clown-Plattencover und entsprechenden Songs vor, lässt aber auch vermummte „Pussy Riot“-Aktivistinnen in Film-Dokumentationen zu Wort kommen oder mit Masken versehene „Anonymus“-Akteure der finanzmarktkritischen Occupy-Bewegung.  

 

Böse Clowns_reloaded.
Kunstpalais
Marktplatz 1, Erlangen
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 26. Juni 2016.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Hrsg. v. Inke Arns, Kettler Verlag, Dortmund 2016, 256 S., 26 Euro | ca. 34.90 Franken.

 

 




Kunstpalais Erlangen