24/05/16

Landkarten von Flucht und Ankommen

Der Badische Kunstverein zeigt sich mit einer Ausstellung über Flucht auf der Höhe der Zeit

von Isabel Mehl

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Nilbar Güres, Yabanci/Stranger, 2016, courtesy die Künstelr und Galerie Martin Janda, Wien
Der Rundgang durch die Ausstellung „Wir Flüchtlinge – Von dem Recht, Rechte zu haben“ im Badischen Kunstverein beginnt mit einer Videoprojektion in einem abgedunkelten Raum. Eine Frau begrüßt uns vom Screen: „Herzlich Willkommen im El Dorado.“ Später singen und tanzen Jugendliche, eine Stimme berichtet von der Flucht und dem Ankommen. Schauplatz des Videos ist das Tapetenmuseum Kassel. Die dort befindliche Panoramatapete „El Dorado” von 1849 bildet den Ausgangspunkt der Arbeit „El Dorado. Gießbergstraße“ (2007) von Danica Dakić (*1962). Die handbedruckten Papierbahnen vereinen Motive aus Europa, Asien, Amerika und Afrika – für Europa steht dort ein Pfau. Am Eingang zum Saal zeigt ein Leuchtkasten ein Gruppenporträt der Jugendlichen – neben einer Autobahnbrücke, vor einer tropischen Tapete. Ein Pfau hat sich zu ihnen gesellt. Die Porträtierten sind minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge, die in einem Wohnheim in Kassel in der Gießbergstraße wohnen. Sind sie tatsächlich an dem Ort angekommen, den der Pfau auf der Tapete symbolisiert?

Diese Frage hallt nach, während man im nächsten Raum die Wandinschriften auf den Fotos der Serie „Clearing“ (2012) von Eva Leitolf (*1966) entziffert. In sogenannten Clearing-Häusern warten ebenfalls minderjährige Jugendliche, die alleine aus ihrer Heimat geflohen sind, auf die Entscheidung über ihren rechtlichen Status. Die Wände der Unterkunft scheinen ihnen als Vokabelhefte zu dienen: von „Vertrauen“ über „Wunder“ bis „nicht stören“ und „rasch = dringend“. Eine Landkarte der italienischen Insel Lampedusa zeigt nebenan, wie nah sich Geflüchtete und Touristen hier kommen, doch während die einen mit dem Flugzeug landen, flüchteten die anderen mit dem Boot. Der Installations- und Videokünstler Thomas Klipper (*1956) kartografiert den Ort der Verbrennung der Flüchtlingsboote, die Bars für Armee und Polizei und zeigt ein Feuer, das von Flüchtlingen entfacht wurde, um gegen die Überbelegung ihrer Unterkunft zu protestieren. Das Künstlerkollektiv Lampedusa Research Group untersucht, wie dieser Ort medial vermittelt wird. Fotos von Polizisten, die mit Flüchtlingskindern spielen, ließen sich nicht gut verkaufen, ergaben ihre Recherchen, ein toter Körper am Strand hingegen schon. Das Projekt eröffnet Einblick in die oft von der Nachfrage bestimmten Entscheidungen, welche Bilder uns erreichen.

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Mario Rozzi, Al Intithar, The Waiting, courtesy & SharjahArtFoundation
Die Karlsruher Ausstellung, deren Titel Hannah Arendts 1943 erschienenen und 1986 erstmals ins Deutsche übersetzten Essay „We Refugees” zitiert, zeigt ein vielschichtiges Bild von Flucht und Fremdheit. Doch auch die damit in Verbindung gebrachte Verunsicherung in der Gesellschaft rückt ins Blickfeld. In der Videoarbeit „Stranger“ (2006) sitzt die türkische Künstlerin Nilbar Güreş (*1977) mit Ganzkörperschleier in der S-Bahn und begegnet den Blicken der Fahrgäste im Schneidersitz. Einzig das Blumenmuster ihrer Verhüllung scheint die Situation zu entspannen. Qingmei Yao (*1982) singt aus dem fahrenden Auto einige Strophen der Internationale in ein Megaphon. Sie wird von Polizisten in Monaco angehalten und einer absurden Befragung über Sinn und Berechtigung ihrer Aktion unterzogen. Mario Rizzi (*1962) hingegen beobachtet in seinem 30-minütigen Video „Al Intithar (The Waiting)“ (2013) den Alltag in einem abgeriegelten Flüchtlingscamp in der jordanischen Wüste: Frauen waschen ihre Kinder, zwei Jungs suchen nach einem passenden Herz für einen Liebesbrief. Vor kurzem war Mario Rizzi in Idomeni. Er berichtet, wie dort heute das geschieht, was sich im Lampedusa Research Project bereits ankündigte: Flüchtlinge werden von den Medien nach ihren Vorstellungen 'gecastet'. Till Roeskens (*1974) schließlich lässt in seiner Videoarbeit Schleichwege aufzeichnen, die von Palästina nach Israel führen. Die sich immer wieder aus dem Videobild heraus bewegenden Filzstiftzeichnungen ergeben das Porträt eines Landes mit dem Willen zur größtmöglichen Abschottung. Doch Roeskens Film zeigt auch das Scheitern dieses Vorhabens und erzählt von Polizisten, die ein Auge zudrücken. Dass wir alle Menschen sind, scheint die größte Hoffnung bleiben zu müssen in einer Situation, in der die Politik zunehmend versagt. 

 

Wir Flüchtlinge
Badischer Kunstverein
Waldstr. 3, Karlsruhe.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 19.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 12. Juni 2016.

 

 




Badischer Kunstverein