16/04/12

Die Ränder zwischen den Dingen

Das Kunstmuseum Bern zeigt eine große Retrospektive des bedeutenden abstrakten Malers Sean Scully.

von Florian Weiland
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Im Kunstmuseum Bern gibt Sean Scully derzeit die entscheidenden Hinweise selbst. Etwa, dass ein Gemälde vor der Erfindung des Computers entstanden sei. Der Künstler kommentiert jedes seiner Werke, die kurzen Texte sind direkt neben den ausgestellten Bildern angebracht. Eine gute Idee, die uns höchst aufschlussreiche Hinweise zum Verständnis seiner abstrakten Bildfindungen gewährt. Der 1945 geborene irisch-amerikanischen Künstler zählt zu den bedeutendsten Vertretern der abstrakten Malerei der Gegenwart. Und in der Tat lohnt es sich, immer wieder auf das Entstehungsjahr der ausgestellten Arbeiten zu achten.

„Blaze“, 1971 gemalt, zeigt eine virtuelle Welt, von der man unwillkürlich denkt, sie sei mit dem Computer entworfen worden. Wie fast alle Gemälde Scullys ist es im Großformat angelegt und misst beeindruckende 2,15 auf 3,88 Meter. Erst wer genauer hinsieht, erkennt an einzelnen Stellen verlaufende Farben, die die Perfektion dieser gemalten Cyberwelt stören. Die frühen Werke der 1970er Jahre sind von Gitterstrukturen und einer stark kontrastierenden, ja fast schon expressiven Farbigkeit geprägt. Die Wahl der Farben soll Emotionen beim Betrachter hervorrufen. Auch die Komposition ist keinesfalls willkürlich. Scully setzt auf Hell-Dunkel-Kontraste und erzeugt damit eine erstaunliche Tiefenwirkung. Es ist leicht zu erkennen, wie der Künstler dabei vorgegangen ist. Er hat Abdeckband benutzt, was dazu führt, dass die Bereiche zwischen den einzelnen Farbfelder stets etwas verschwommen sind. „Meine Arbeit hängt immer von den Rändern ab, die zwischen den Dingen verlaufen“, erklärt Scully. Vage Erinnerungen an Schaufensterfassaden oder Eisenbahnbrücken werden wachgerufen – und doch sind Scullys Bilder kein Abbild der Realität. Eher stark abstrahierte Wirklichkeitseindrücke, die Stimmungen reflektieren.

Die Arbeiten von Mark Rothko öffnen dem jungen Scully, der zunächst noch figurativ gemalt hat, die Augen. Auch eine Reise nach Marokko hinterlässt bleibenden Eindruck. Die Streifen und Farben der örtlichen Webstoffe und das viel zitierte Licht des Südens beeindrucken Scully. Mit den Jahren wird der Künstler experimentierfreudiger. Minimalistische Arbeiten wie das Gemälde „Black on Black“ entstehen, bei dem Scully erstmals Ölfarbe verwendet und mit unterschiedlichen Schwarztönen spielt. In anderen Arbeiten brechen diagonale Muster das strenge Raster auf. Der Pinselduktus wird deutlich sichtbar. Das Bild-im-Bild-Motiv bekommt eine immer stärkere Bedeutung. Scully spricht von der „Inset“-Technik, wenn er kleinere Leinwände in große Leinwände einsetzt. Sie bleiben Fremdkörper und stehen zugleich in einer engen Beziehung zum Gesamtbild.

Immer wieder finden sich Bezüge zur Kunstgeschichte. Von Matisse bis Tizian. Auch die Auseinandersetzung mit der klassischen Form des Triptychons spielt eine wichtige Rolle. Aus dem starren Gitter von einst ist inzwischen ein flexibles Gefüge aus horizontalen und vertikalen Linien und Flächen geworden. Zudem wird das starre Format der Gemälde aufgesprengt. Die abstrakten Kompositionen ragen in den Raum, die einzelnen Bildtafeln werden versetzt gehängt. Das Bild ist nicht länger nur Fläche, sondern wird zum Objekt. Scully macht seine Körperlichkeit erfahrbar.

Die Ausstellung erstreckt sich über zwei Ebenen. In einem Nebenraum sind kleinformatige Arbeiten zu sehen. Doch es zeigt sich, dass Scullys Konzepte im Großformat weitaus besser zur Geltung kommen. Ein Höhepunkt ist dagegen das vierteilige, gut neun Meter breite Werk „KANKANKAN“ – eine ungewöhnliche Hommage an Kandinsky. Dass Bildtitel für Scully eine besondere Bedeutung haben, erkennt man schnell. So erzählt „Grey Wolf“ von der kurzen Begegnung mit einem Wolf, den der Künstler während einer Autofahrt in den Pyrenäen gesehen hat, während „Lucia“ Bezug auf ein Gemälde Caravaggios nimmt, das Scully ironischerweise nie zu Gesicht bekam. Scullys Bildkommentare geben die entsprechenden Hinweise. Doch mehr als einmal stellen sie den Betrachter auch vor neue Rätsel. Zu „Mirror Soft Grey“ notiert Scully etwa: „My mirror paintings show the reflected self. But which side is the self and which side is the reflection, is the mystery of this painting“. Scullys Gemälde bewahren ihr Geheimnis.

Sean Scully: Grey Wolf. Retrospektive.
Kunstmuseum Bern

Hodlerstr. 8, Bern.

Öffnungszeiten: Dienstag 10.00 bis 21.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 24. Juni 2012.
Kunstmuseum Bern