23/05/16

Im Labyrinth zur Erkenntnis

Im Bieler PasquArt befasst sich Aernout Mik mit dem Reaktorunglück von Fukushima

von Alice Henkes

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Aernot Mik, Cardboard Walls, 2013, Installationsansicht Kunsthaus Centre PasquArt, Bile, Foto: Patrick Christe, GFF Biel
Im christlichen Kontext symbolisieren Labyrinthe den Weg zur Erlösung. In vielen alten Kathedralen gibt es Fussbodenlabyrinthe, die für Bussübungen genutzt wurden. Auch in dem Labyrinth aus Karton, das der niederländische Künstler Aernout Mik (*1962) in der Salle Poma im Kunsthaus PasquArt eingerichtet hat, geht es um Erkenntnis, obwohl das Material billig wirkt, die Konstruktion instabil. Dünne Kartonwände, die bis auf Brusthöhe reichen, hängen an Nylonfäden von der Decke. Das Labyrinth erinnert an Besucherleitsysteme oder Arbeitskojen US-amerikanischen Typs und an die armseligen Unterkünfte aus Karton, in denen viele japanische Obdachlose hausen. Es ist ein Labyrinth der Überwachung, Verwaltung, Abgrenzung.

Will man sehen, was sich auf den beiden grossen Videowänden im Zentrum der Salle Poma abspielt, muss man sich in das Labyrinth einfädeln. In der Zweikanalprojektion in der Mitte des Saales sieht man wiederum Kartonwände. Ebenfalls in einer grossen Halle. Im Video jedoch bilden die Kartonwände kleine Kojen, in denen Überlebende des Nukleardesasters vom 11. März 2011 in Fukushima ihre Habseligkeiten deponiert haben. In seiner Videoinstallation „Cardboard Walls“ greift Aernout Mik das Reaktorunglück in Japan und seine Folgen auf, um den Gedanken zu reflektieren, dass Menschen ökonomische und technische Systeme erschaffen, die sie nicht mehr kontrollieren können. Die heimatlos Gewordenen sitzen zwischen den dünnen Kartonwänden und versuchen, die Reste dessen zu wahren, was einmal ihr Leben war. Die Direktoren des Atomkraftwerkes entschuldigen sich mit devoten Gesten vor den Opfern der Katastrophe, die jedoch im Lauf des Videos überraschende Stärke gewinnen.

Aernout Mik ist ein aufmerksamer Beobachter der Gegenwart, der in seinen Videoinstallationen gesellschaftliche Prozesse thematisiert. In „Cardboard Walls“ greift er reale Geschehnisse auf, lässt sie jedoch von Schauspielern und Laien nachspielen. Viele Darsteller in seinem Video haben das Reaktorunglück und die Situation in einem Flüchtlingscamp selber erlebt. Durch diese besondere Inszenierung entsteht eine Mischung aus dokumentarischen und fiktionalen Elementen, die den gezeigten Situationen und Ereignissen eine besondere Plastizität verleiht. Die Rauminstallation mit den Kartonelementen führt das Setting des Videos weiter, Besucherinnen und Besucher werden so gewissermassen Teil des Videofilms um technische Machbarkeit, Macht und Ohnmacht.  

Aernot Mik
Kunsthaus PasquArt
Seevorstadt 71-73, Biel.
Öffnungszeiten: Mittwoch, Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 12.00 bis 20.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 12. Juni 2016.

 




Kunsthaus PasquArt