20/05/16

Sonntagsmalerei im Culture War

Die Kunsthalle Bern zeigt das Erbe der Konzeptkunst bei Ull Hohn und Megan Francis Sullivan

von Sebastian Baden

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Megan Francis Sullivan, Installationsansicht Kunsthalle bern, 2016, Foto: Gunnar Meier
Mit einer aufschlussreichen und unterhaltsamen Retrospektive zeigt die Kunsthalle Bern Arbeiten von Ull Hohn (1960-1995), die zwischen 1978 und 1995 entstanden sind. Der frühe Tod des Künstlers hat seinen Nachlass überschaubar und unter Kollegen begehrt werden lassen, wie sich aus der Leihgeberliste an Namen von Anselm Reyle, Wolfgang Tillmans, Tom Burr bis zu Wade Guyton ablesen lässt. Hohn absolvierte sein Studium an der Hochschule der Künste in Berlin und war Meisterschüler bei Gerhard Richter in Düsseldorf, bevor er 1987 mit einem Stipendium ins New Yorker Whitney Independent Studies Program aufgenommen wurde und gleich in den USA blieb. Die von Valerie Knoll zuzsammen mit Magnus Schaefer und Hannes Loichinger kuratierte Ausstellung stellt Ull Hohn als einen kritischen und parodieaffinen Maler vor, der dem kunstimmanenten Diskurs seiner deutschen Kommilitonen den Rücken kehrte. Sein Frühwerk zeigt den massiven Einfluss des Meisters Gerhard Richter, etwa zwei kleinformatige Abstraktionen von 1987, die Bilderserie „Nine Landscapes“ oder die drei Versionen eines schreienden nackten Babies, „Untitled“, die im Duktus der berühmten Unschärfemalerei gehalten sind.

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Ull Hohn, Installationsansicht Kunsthalle Bern, 2016, Foto: Gunnar Meier
Spannend wird der Ansatz von Ull Hohn dort, wo er mit seiner Arbeit die Tendenzen der Conceptual Art und der Institutional Critique aufnimmt, die in New York Mitte der 1980er Jahre den Diskurs bestimmten. Man kann förmlich den künstlerischen Spaß an den zahlreichen titellosen Landschaftsbildern  ablesen, die Hohn als „Sonntagsmalerei“ und nach Anleitung des populären „TV-Malers“ Bob Ross in den frühen 90er Jahren produzierte. Sie sind in Folge von Hohns Auseinandersetzung mit der legendären Hudson River School entstanden und stellen eine Kritik des amerikanischen Identitätsklischees dar. Flussläufe in der Wildnis, verschneite Berge, eine Antilope in der Steppe, die von Hohn nachgemalten Motive befriedigen einfache Ansprüche an dekorative Genrebilder und bilden mit ihrem bewussten „De-skilling“ die visuelle Brücke zu Leslie Fiedlers ehrwürdig postmoderner Forderung „Cross the Border – close the Gap!“ Hohn machte sich mit subversiver Affirmation ans Werk, um das Spannungsfeld des Culture War zwischen regressiver Politik und sexueller Offenheit im White Cube freizustellen. Auch die Selbstkritik des Künstlers in seinen „Revisions“, den Bildwiederholungen kurz vor seinem durch AIDS bedingten Tod, trägt dazu bei, diesen neu erkorenen Artists’ Artist in der Nachfolge von Paul Thek als willkommenen Re-Import wahrzunehmen.

In legitimer Nachfolge von Hohns Konzeptkunstmimikry steht die in Berlin lebende US-Amerikanerin Megan Francis Sullivan (*1975). Sie hat selbst auch einen Beitrag zu dessen retrospektivem Katalog „Foregrounds, Distances” geleistet und präsentiert eine kompakte Werkschau im Untergeschoss der Kunsthalle. Die für ihre Pferdeliebe bekannte Künstlerin konzentriert sich hier in einem ganzen Raum auf das Baden. Dafür hat Sullivan zehn Varianten des „Baigneuses“-Motivs nach Paul Cezanne in umgekehrter Farbgebung maßstabsgetreu nachgemalt, als seien es Negative der Vorbilder. Passend sind die Gemälde mit drei jeweils zweifarbig gestreiften Markisen konfrontiert, Daniel Buren lässt grüßen. Die Selbstbeschreibung der Kunstgeschichte findet ihr Pendant in der institutionsreflexiven Installation eines „Fence“, der sich auf die Sportplätze der näheren Umgebung bezieht. Daneben suggeriert die Skulptur "Monument" mit der auf einer Sackkarre abgestellten Glastisch-Designklassiker "tavolo von ruote" von Gae Aulenti, dass man noch beim Ausstellungsaufbau sei. Sullivans Arbeiten sind kühl arrangiert, ihre Nonchalance macht die Installation im Vergleich zu Hohn leider recht eintönig.        

 

Ull Hohn / Megan Francis Sullivan.
Kunsthalle Bern
Helvetiaplatz 1, Bern.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr
Bis 5. Juni 2016. 

Ull Hohn: Foregrounds, Distances. Hrsg. v. Hannes Loichinger, Magnus Schaefer, Sternberg Press, Berlin 2015, 332 S., 38 Euro.

 

 




Kunsthalle Bern