19/05/16

Vom Wasser und der Luft

In der Lokremise in St. Gallen erweist sich Simon Starling einmal mehr als Erzähler

von Annette Hoffmann

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Installationsansicht Lokremise St. Gallen, Foto: Stefan Rohner
Ausstellungen von Simon Starling (*1967) gleichen gerne einmal einem Text, der aus lauter Teasern besteht. Starling ist kein Künstler, dem es an schönen Oberflächen gelegen ist und vermutlich ist er eigentlich sogar ein Erzähler, der sich selbst immer wieder neu in seine Geschichten wirft. Etwas zusammenhanglos stehen in der St. Gallener Lokremise mehrere mit Grünspan überzogene Brunnenfiguren, Fahrräder und bewachsene Torpedoboote im Raum. Erfahrene Besucher von Ausstellungen des Briten wissen, sie müssen diese Objekte, diese Überbleibsel von in Gang gesetzten Kreisläufen nur anstupsen und sie haben Stoff für Romane. Oder sie greifen gleich zum Saaltext.

Die Arbeit, die der Einzelschau den Titel „Zum Brunnen“ gegeben hat, geht auf eine Recherche zum Projektwettbewerb für das Naturmuseum St. Gallen zurück. Der Konzeptkünstler befasste sich im Rahmen des Gewinnerbeitrags der Architekten Michael Meier und Marius Hug mit der Wasserversorgung der Stadt – und vielleicht ist das Wasser überhaupt so etwas wie ein Grundmotiv dieser Einzelschau. Lange war Trinkwasser knapp in St. Gallen. 1895 dann konnte dank des Ingenieurs Leonhard Kilchmann eine Leitung zum Bodensee gelegt werden, auch heute noch kommt das Wasser von dort. Zum Gedenken an dieses Ereignis spendete der Kantonsrichter Hans Broder Geld für einen Brunnen, der Ende der 1890er Jahre zwischen Innenstadt und Bahnhof errichtet wurde. Die Figuren von August Bösch – Kinder, die auf einer Schildkröte und einem Schwan reiten sowie eine Seejungfrau ‒ feiern den See als Wasserressource. Ironischerweise bekam ihnen selbst das Wasser nicht sonderlich gut. Der Gipskern kam mit dem Wasser in Berührung, da die Kupferschicht rissig geworden war. Die Plastiken mussten durch Bronzegüsse ersetzt werden, die Originale gingen an das Historische und Völkerkundemuseum St. Gallen, wo Starling sie entdeckte. Später sollen sie Teil eines Stationenwegs zwischen St. Gallen und dem Bodensee werden.

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Simon Starling, Project of a Floating Garden (After Little Sparte), 2011/15, Instalallationsansicht Lokremise St. Gallen, Foto: Stefan Rohner
Simon Starling schätzt solche Ketten, die sich manchmal selbst verbrauchen, deren Ende jedenfalls anders aussieht als ihr Anfang. Seine Arbeit „Tabernas Desert Run“, die ihm 2005 den Turner Prize einbrachte, ist auch in St. Gallen zu sehen. Eine Fotografie zeigt das Rad, mit dem Starling die Tabernas-Wüste bei Almería bereiste und das er eigens für diese Unternehmung mit einer Wasserstoffenergiezelle ausstattete. Auf der Fahrt gewann Starling am Ende 600 Milliliter Wasser, mit dem er schließlich einen Kaktus aquarelliert. 2011 entstand seine Installation „Project for a Floating Garden (After Little Sparta)”, die in der Lokremise frei von der Decke schwebt als sei die Luft das eigentliche Element dieses Torpedobootes. In Erinnerung an die Hängenden Gärten Babylons hat Starling es mit Rasen und Efeu bepflanzt, ein paar Klinker verlegt und einen Stein gesetzt. Der Titel spielt auf den Garten Ian Hamilton Finlays „Little Sparta“ an, in dem sich auch Bezüge auf britische Kriegsschiffe finden. Während die Stadtarchitektur die Begrünung von Fassaden für sich entdeckt hat, wütete im Babylon der hängenden Gärten der Krieg. Idylle und Tod waren schon immer Nachbarn.

 

Simon Starling, Zum Brunnen
Lokremise
Grünbergstr. 7. St. Gallen.
Öffnungszeiten: Montag bis Samstag 13.00 bis 20.00 Uhr, Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 14. August 2016.

 

 

 




Lokremise