17/05/16

Energie-Umleitung

"More Heat than Light" von Sam Lewitt greift in die Energiebilanz der Kunsthalle Basel ein

von Dietrich Roeschmann

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Sam Lewitt, Weak Local Lineament (MHTL), 2016, Installationsansichten aus der Ausstellung „More Heat Than Light”, Kunsthalle Basel, 2016, Foto: Philipp Hänger
Der Frühling steht in voller Blüte. Die Tage werden länger, die Anzeige des Thermometers fällt kaum noch unter zweistellige Werte. Für Sam Lewitt sind das perfekte Bedingungen, um sein Projekt „More Heat Than Light” in der Kunsthalle Basel zu präsentieren. Denn Dunkelheit und Kälte würden der Suggestion mehr zuarbeiten, als es ihm recht sein kann. Ausgangspunkt der Schau, die der 35-jährige New Yorker im Oberlichtsaal des Obergeschosses eingerichtet hat, ist die Idee der Umleitung von Energieströmen, die den Ausstellungsbetrieb in einer Institution wie der Kunsthalle am Laufen hält. Lewitt entfernte dafür zunächst sämtliche Beleuchtungskörper, so dass die weitläufige Halle ganz ins diffuse Tageslicht getaucht ist, das durch die gläserne Decke scheint. An die offenen Kontakte der Lichtschienen schloss er Verlängerungskabel an, die nun wie Lianen bis auf den Boden hängen und dort in hauchdünnen Folien stecken, auf denen sich Kupferbahnen in ornamentalen Mäandern zu verschiedenen Heizkreisläufen schließen. Messgeräte zeigen die Temperatur an, die die Folienbilder in den Raum abgeben: rund 70 Grad Celsius.

Natürlich könnte man diese Installation auf einen einfachen Nenner bringen: Mit der elektrischen Energie, die Kunstinstitutionen aufwenden müssen, um optimale Lichtverhältnisse für die Präsentation von Kunstwerken zu schaffen, ließen sich ganze Ausstellungsräume in Saunen verwandeln. Doch auch wenn man sich an den Kupferfolien tatsächlich die Hand verbrennen könnte: Lewitt geht es hier um etwas anderes. Indem er sämtliche Lichtkörper demontiert und ihren Strom anderweitig nutzt, rückt er auf subtile Weise nicht nur die elektrische, sondern auch die architektonische, ökonomische und ideologische Infrastruktur des Ausstellens selbst ins Zentrum.

Dass die gezeigten Arbeiten davon zunächst nur wenig verraten, ist durchaus beabsichtigt. So erinnern die per Algorithmus berechneten und anschließend aus der Kupferbeschichtung der Heizfolien geätzten Linienverläufe im ersten Moment eher an Radierungen von Donald Judd oder Frank Stellas „Black Paintings”. Dann wieder – auf dem Parkett ausgerollt oder über einzelne Motorblöcke der skandalumwitterten TDi-Serie von Volkswagen geworfen – wirken sie mal wie technoide Interpretationen pseudo-antiker Ornamentfriese, wie Lewitt sie bei seinen Recherchen in zahlreichen Basler Banken entdeckte, mal wie böse Kommentare zur Geldwert produzierenden Manipulation von Wahrnehmung, auf die Industrie und Kunstmarkt gleichermaßen setzen – wenn auch mit unterschiedlichen Mitteln. Dass sich die kupfernen Linienzeichnungen bei genauerem Hinsehen überraschend zu Textfragmenten aus der PR-Maschinerie des digitalen Kapitalismus fügen („get connected”, „belong everywhere”), erscheint da nur konsequent: Die Dinge, die uns umgeben, sind kontaminiert mit Botschaften, die sie und uns einspinnen in die abstrakte Logik unendlich zirkulierender Informations- und Kapitalströme. 

So ästhetisch, elegant und in einem ebenso realen wie übertragenen Sinn „heiß” Sam Lewitts Arbeiten daherkommen, so entschieden dementieren sie zugleich jede künstlerische Autonomie. Als sichtbare Enden einer komplexen, hinter den Kulissen wuchernden Infrastruktur stülpen sie die Institution in den Raum und mutieren so selbst zu Teilen des Organismus Kunsthalle. Das ermöglicht eine denkbar paradoxe Erfahrung: Denn stehen wir vor Lewitts Arbeiten und spüren ihre Hitze, befinden wir uns immer sowohl im Ausstellungsraum als auch außerhalb, gewissermaßen in der Matrix des Kunstsystems. Eine schöne Visualisierung dieses ungewohnten Zustands bietet eine Überwachungskamera, die Tag und Nacht Wärmebilder aus der Ausstellung per Live-Stream ins Netz speist.

 

Sam Lewitt
Kunsthalle Basel
Steinenberg 7. Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 29. Mai 2016.

       




Kunsthalle Basel