28/04/16

Bei Stress Blau

Tim Otto Roth liefert in der Städtischen Galerie Offenburg eine Bestandsaufnahme von Flora und Fauna

von Jürgen Reuß

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Tim Otto Roth, Flora domestica, Schattenbildherbarium, 2003-2008 / 2016, Detail, Courtesy the artist, Foto: Imachination Projects
Reale Vorgänge unnötig zu ästhetisieren, ist nicht das Ding von Tim Otto Roth. Der Oppenauer Künstler geht seine Kunstwerke naturkundlich-wissenschaftlich an. Ein Naturspektakel wie das Meeresleuchten reduziert er auf den dafür verantwortlichen Einzeller – eine Zellkultur der Meeresalge Pyrocystis elegans – den er in völliger Dunkelheit auf einen lichtempfindlichen Farbfilm aufträgt. Der Stress regt das bioluminiszente Wesen an, bläulich zu leuchten und so den Film zu belichten. Im hei­mischen Schwarzwald sorgen gewisse Pilzarten für ein dem Meeresleuchten ähnliches Phänomen. Mit lichtempfindlichem Filmmaterial geht Roth in der Dunkelheit unter den Baumkronen auf die Pirsch und zeigt, dass man Pilze besser belichtet als schluckt, um psychedelische Effekte wie das „Waldlicht“ wahrzunehmen.

In der aktuellen Werkschau des Künstlers in der Städtischen Galerie Offenburg ist zwar auch eine frühe Kameraarbeit zu sehen, aber ein Gerät wie den Fotoapparat zwischen Objekt und Film zu schieben, interessiert Roth im Grunde nicht. Bei seiner Bestandsaufnahme der heimischen Flora geht er eher wie ein Radiologe beim Röntgen vor. In absoluter Finsternis positioniert er eine Pusteblume oder einen Kirschlorbeer zwischen Lichtquelle und Farbfilm und belichtet. Man muss sich darunter keinen Studio-High-Tech-Vorgang vorstellen, auf Reisen kann das auch mit der Lampe unter der Bettdecke geschehen.

Das Ergebnis ist eine Erweiterung des Schattenspiels. Nur bei undurchdringlichen Objekten ist der Schatten schwarz. Lebendige, zarte Strukturen wie Blütenblättern erzeugen ein ebenso farbenfrohes wie präzises Schattenbild der regionalen Flora. Auch das Raumgefühl wird umgedreht. Man betrachtet die Radieschen von unten, als wäre man unter den Bleiglasfenstern einer modernen gotischen Kathedrale aufgebahrt. Diese Optik ist nicht verklärend, sondern analytisch gedacht. Wie weit lässt sich das Spiel von Licht und Schatten treiben? Der Künstler hat dazu verschiedene Drahtobjekte auf Film positioniert und dann mit roter und blauer Lichtquelle belichtet. Mit Rot-Blau-Brille betrachtet treten die Objekte dreidimensional hervor.

Bei so viel Forschergeist wundert es nicht, dass Tim Otto Roth gelegentlich gleich in die Mathematik springt. So, wie er die Nachkommastellen der Kreiszahl Pi in Farbverläufe übersetzt, entwickelt sie einen unglaublichen Sog – der für Mathematiker, die heute bei den billionsten Stellen angelangt, aber längst nicht am Ende ihre Pi-Berechnungen sind, durchaus real ist.

Berechnete Ästhetik funktioniert auch fürs Ohr. Die eigens für die Offenburger Ausstellung entwickelte Wasserorgel übersetzt im letzten Ausstellungsraum mathematische Selbstorganisationregeln in einen sich ständig wandelnden Klangteppich – eine Korrespondenz zum ersten Ausstellungsraum, in dem Tonaufnahmen einer realen klappernden Mühle am rauschenden Bach, jegliches Romantisieren vergessen lassen. 

 

Tim Otto Roth
Städtische Galerie Offenburg
Amand-Goegg-Str. 2, Offenburg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 13.00 bis 17.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 29. Mai 2016.

       

 

 




Städtische Galerie Offenburg