09/05/16

Gebrauchswert versus Repräsentation

Die amerikanische Künstlerin Amie Siegel speist in der Villa Stuck Kunstobjekte in Verwertungssysteme ein

von Isabel Mehl

siegelprovenance.jpg

Amie Siegel,  Provenance, 2013, Still (r.), Installationsansicht MAK Wien, Courtesy the artist & Simon Preston Gallery, New York
Der Videoloop „Circuit“ (2013) bildet in der Villa Stuck den Anfang des Rundgangs durch das Werk der US-amerikanischen Künstlerin Amie Siegel (*1974). Die Arbeit wird auf einem Bildschirm präsentiert, der im ehemaligen Musiksalon Franz von Stucks steht. Die Wandmalereien dort korrespondieren mit den Panoramen auf dem Bildschirm. In einer 360-Grad Kamerafahrt wird die Entstehungsgeschichte der Menschheit nachvollzogen, so wie sie im Naturkundemuseum im indischen Chandigarh dargestellt wird. Ein Stockwerk höher ist die Arbeit „Provenance“ (2013) zu sehen, die in jener in den 1950er Jahren von Le Corbusier geplanten Stadt endet. In Chandigarh werden die von Le Corbusier und Pierre Jeanneret entworfenen Möbel in das Verwertungssystem eines exklusiven Kunst-, bzw. Designmarktes eingespeist – sie werden aufwendig restauriert – und treten ihre Reise zu den Wohnungen reicher Sammlerinnen und Sammler an. In eleganten Plansequenzen steht der Gebrauchswert dieser Möbel ihrer repräsentativen Funktion gegenüber. So reihen sich die Möbel am anderen Ende der Verwertungskette in die weiß-beige-Luxuslandschaft einer durch den Ozean gleitenden Yacht ein oder werden in einer Wohnung kritisch begutachtet. Siegel stellt die Möbelstücke, die immer über den sozialen Kontext, in dem sie stehen, berichten, in beinahe animistischer Manier dar. Gleichzeitig erwecken die kontemplativ langsamen Bilder den Eindruck eines gedankenversunkenen Blätterns durch ein Schöner Wohnen-Magazin. Diese Ambivalenz zieht sich durch Siegels konzeptuelle Arbeiten.

siegelcircuit.jpg

Amie Siegel, The Circuit, 2013, Still , Installationsansicht MAK Wien, Courtesy the artist & Simon Preston Gallery, New York
Siegel thematisiert ihre eigene Verstricktheit in die Wertschöpfungszusammenhänge, indem sie „Provenance“ an dem Ort versteigerte, an dem häufig auch die Designobjekte unter den Hammer kommen. Daraus entstand die Videodokumentation der Auktion „Lot 248“ (2013), sowie „Proof“ (2013) mit den entsprechenden Seiten des Auktionskataloges. Ausgehend von Le Corbusiers weißer Villa Savoye bei Paris und ihrem schwarzen Nachbau in Canberra zeigt die Arbeit „Double Negative“ (2015) in zwei im Negativverfahren entwickelten 16mm-Filmen Außenansichten beider Gebäude. Durch die Farbumkehrung entsteht ein mystischer Raum, der mit der Archivierung und Digitalisierung von Material vom Verschwinden bedrohter Kulturen in der Villa in Canberra korrespondiert. Ähnlich wie zuvor die Stühle und Lampen werden hier die Kulturgüter umfassend fotografiert. Während im ersteren Fall die Ablichtung den Übertritt vom Nutz- zum Luxusgegenstand markiert, steht hier die Archivierung im Vordergrund.

Neben der archivarischen Praxis ist die Architektur ein weiteres zentrales Element in Siegels Werk. Die originalen Kamerabewegungen beibehaltend, doch nun meist menschenleere Szenerien zeigend, rückt „Berlin Remake“ (2005) die Veränderungen der Architektur dieser Stadt auf oftmals amüsante Weise in den Fokus. Während im Original DEFA-Material ein Liebespaar am Treppengeländer lehnt, verharrt die Kamera hier auf dem geschwungenen Holz. „The Modernists“ (2010) schließlich setzt sich mit einem privaten Archiv auseinander und zeigt Fotografien sowie einen Super8-Film einer Frau, die von ihrem Mann nebst zahlreicher Skulpturen abgebildet wurde. Dabei wirkt sowohl die Frau als auch die moderne Kunst seltsam deplatziert. Zwar sind die Kunstwerke Anlass der Aufnahme, die Bilder sprechen jedoch vielmehr über die touristischen Aktivitäten des Paares.

Siegel untersucht in ihren Arbeiten den Lebensraum der Menschen und dessen Gestaltung. Was erzählen die Gegenstände über sich und was über ihre Besitzerinnen und Besitzer? Dabei stellt sie kritische Fragen zu den Kapitalbewegungen der Gegenwart, die etwa dazu führen, dass eine Stadt wie Chandigarh von Designliebhabern (in)direkt zerstört wird.   

 

Ricochet #10. Amie Siegel, Double Negativ.
Villa Stuck
Prinzregentenstr. 60, München.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 5. Juni 2016.

 

 




Villa Stuck