06/05/16

Im Zeichensystem der Architektur

Der US-Amerikaner James Casebere hält der flüchtigen Gegenwart im Münchner Haus der Kunst ein Modell vor

von Roberta De Righi
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James Casebere, Landscape with Houses (Dutchess County, NY) #2, 2009, Courtesy MFA Financial Inc., New York
Ein Architekt, der ein Haus bauen will, erarbeitet eine Raum-Idee, überprüft sie im Modell – und setzt sie im besten Fall in die Realität um. Der US-amerikanische Künstler James Casebere (*1953) geht genau andersherum vor: Er sucht real existierende Gebäude, baut ihre Innenräume en miniature aus Gips, Pappe, Styropor nach, fotografiert sie – und filtert so quasi die Idee, die hinter jedem Bauwerk steht, wieder aus der Wirklichkeit heraus.

Casebere, der in Minneapolis Kunst studierte und den Postmoderne-Architekten und Theoretiker Robert Venturi als einen wichtigen Lehrmeister nennt, „liest“ Architektur als Zeichensystem eines politischen und sozialen Gefüges. Und darum passen seine fotografischen Re-Inszenierungen, die auch Thomas Demand beeinflussten, perfekt ins Münchner Haus der Kunst. Derzeit sind dort unter dem Titel „Fugitive / Flüchtig“ 70 seiner Foto-Arrangements aus 40 Schaffensjahren sowie einige Filme erstmals in Deutschland zu sehen. Anfangs inszenierte er lakonische Bild-Witze: Die frühen, schwarzweißen Kleinformate, etwa „Fork in The Refrigerator“ – in dem eine Riesen-Gabel in der Kühlschranktür steckt – oder „Ventilator als Eudämonist, entspannt sich nach einem anstrengenden Tag am Strand“, beide von 1975, bestehen auch bereits aus Modellen. So entstanden quasi dreidimensionale Comics, mit den Dingen als stumme Slapstick-Protagonisten. Später interessiert er sich für Kerkerzellen, Kellergewölbe und Gefängnisse  wie das berüchtigte „Sing Sing“. In seinen menschenleeren Aufnahmen liegen sie meist im Dämmerlicht. Im Grunde markiere der Bau von Zuchthäusern des 19. Jahrhunderts in den USA einen Fortschritt, denn statt durch Folter und Tod sollte der Delinquent nach der Theorie der Quäker in der Isolation zu Einkehr und Reue finden, erklärt der Foto-Künstler. „Es funktioniert nur nicht“, stellt er nüchtern fest.

Auch historische Gebäude bleiben vor seinem sezierenden Blick nicht verschont: „Monticello“ erinnert an Thomas Jeffersons Landsitz in Virginia: Casebere zeigt die zentrale Halle, doch sie steht schief, Wasser dringt ein. Eine Metapher für die dünne Schicht der Zivilisation – Jeffersons Bürgerrechte galten nicht für seine Sklaven. James Casebere: „Ich versuche, etwas zu schaffen, das eine bestimmte Art des psychischen Raumes verkörpert oder dramatisiert, so dass bestimmte Vorstellungen und Erfahrungen verstärkt werden.“ In einigen seiner jüngsten Serien arbeitet er sich an den globalen Bedrohungs-Phänomenen der Gegenwart ab, thematisiert Hypothekenkrise und Klimawandel. Es sind nicht seine stärksten Werke. Auch seine Auseinandersetzung mit der NS-Architektur auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände, deren tausendjährigen Anspruch in Stein er mit wehenden Fahnen kontrastiert, bleibt schwach in Ausdruck und Aussage. Solche Kontraste sind in den Gemälden de Chiricos oder den Filmen Antonionis wesentlich eindrücklicher.

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James Casebere, Sea of Ice, 2014, Collection of Santiago Sepulveda and Gloria Cortina, Vail, CO, Courtesy: the artist and Sean Kelly, New York
Dennoch schuf er einige prägnante Vanitas-Bilder des 21. Jahrhunderts – ob er den windigen amerikanischen Traum vom Suburbia-Eigenheim dekons­truiert oder Trümmer in der Moschee von Samarra stapelt. Unversehrt zeigen sich hingegen ein antikes Theater oder eine weitere Moschee des osmanischen Baumeisters Sinan. Diese Szenarios wirken weniger gespenstisch als vielmehr von allem Zeitgebundenen isoliert – quasi überzeitlich. Was wiederum bei Caspar David Friedrichs berühmter Bildkomposition „Eismeer“ gar nicht nötig wäre: Die Nachinszenierung von 2014 als Menetekel der Klimakatastrophe ist arg plakativ.       

 

James Casebere: Flüchtig.
Haus der Kunst
Prinzregentenstr. 1, München.
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 22.00 Uhr.
Bis 12. Juni 2016.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Prestel Verlag, München 2016, 224 S., Englisch, 49,95 Euro | ca. 68.90 Franken.

 

 

 




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